Die verschiedenen Gesichter Marokkos


18.4.2011 Campingplatz zwischen Ifrane und Azrou

Franzosen sind meist Frühaufsteher und vor uns am Start, obwohl wir immer gegen 7 Uhr aufstehen. Das ist die Zeit, wenn es hell genug ist und die Sonne langsam ihre erste Wirkung zeigt. Das Frühstücken und abreisefertig machen dauert ungefähr eine halbe Stunde. Diesmal verteilen die Campingplatzbetreiber als Morgenüberraschung den typischen marokkanischen Pfefferminztee – zuckersüß. Wir fahren zurück nach Moulay Idriss. Ein malerischer Ort, der am Hang des Zerhoun-Massivs liegt wie eine Kuppel aus Häusern. Es ist der heiligste Ort in Marokko, denn Moulay Idriss I (Nachfahre des Propheten Mohammed und Namensgeber der Stadt) liegt hier begraben. Er floh damals aus Mekka, bekehrte die Berber in Volubilis und begründete das erste muslimische Königreich. Dies brachte ihm den Titel „Vater Marokkos“ ein. Jedes Jahr versammeln sich hier Pilger aus ganz Marokko zum größten Moussem des Landes. Moussems werden zum Geburtstag der Heiligen veranstaltet und sind eine Art Volksfest, bei denen mehrere Tage lang gebetet und gefeiert wird. Es wird gesagt, dass fünf Pilgerreisen zu diesem Schrein einer Pilgerreise nach Mekka entsprechen. Dies Grab ist allerdings für Nicht-Muslime nicht zugänglich. Laut Reiseführer dürfen Nicht-Muslime auch erst seit kurzem hier übernachten. Wir fahren mitten hinein in das Getümmel aus Bussen, Eselkarren und Menschen. Ein Platzanweiser weist uns einen Parkplatz beim Taxistand zu und wirft gegen ein kleines Trinkgeld ein Auge auf den Bus. Hannibal übernimmt die Wache von innen. Vor uns wird auf einem kleinen Platz Obst und Gemüse verkauft. Wir decken uns für 3,30 € mit allerlei davon ein. Der Verkäufer legt das gesamte Gemüse auf seine Waage und ermittelt irgendwie einen Gesamtpreis. Man bekommt hier so ziemlich alles – Bananen, Orangen, Äpfel, Gurken, Tomaten, Spitzpaprika, Zwiebeln, Zucchini, Auberginen. In Säcken entdecken wir Couscous, Reis, Mehl und noch unendlich mehr. Wir besorgen uns noch ein bisschen Brot und verlassen dann das Getümmel. Die Fahrt geht weiter Richtung Meknes. Vom kleinen Berg hatte man gestern einen guten Blick auf die langgezogene Stadt. König Moulay Ismail erhob diese Stadt zu seiner Hauptstadt, deshalb Königsstadt. Mittlerweile müsste jedem aufgefallen sein, dass wir Großstädte mit Vorliebe meiden. Zuviel Stress für uns, Hund und Bus. Gewiss verpassen wir dabei einige besondere Sehenswürdigkeiten, aber uns ist es lieber, die Naturreichtümer zu bestaunen. Wir befahren Meknes also nur peripher. Sie hat große Ähnlichkeit zu westeuropäischen Großstädten – große Straßen, große Gebäude, viele Autos, viele Menschen. Alles ist in einem relativ guten Zustand und viel wird neu erbaut. Hinter Meknes wirkt die Welt auch viel europäischer, viel reicher. Es liegt wohl daran, dass die Häuser in einem besseren Zustand sind als weiter nördlich. Der Weg führt uns in den mittleren Atlas. Das Flachland erhebt sich wieder zu Bergen. Felder und Weiden verwandeln sich in Wälder. Kurz vor El-Hajib fahren wir an eine Tankstelle, um den Reifendruck prüfen zu lassen. Der junge Mann macht sich sogleich an die Arbeit und entdeckt ein Loch im hinteren inneren rechten Reifen. Haben wir nicht bemerkt, da wir Zwillingsbereifung haben und der Zwilling bei der Schlappe seines Bruders die ganze Last mit übernimmt. Irgendwo hat ein Nagel ein Loch in den Reifen gebohrt. Glücklicherweise kann der junge Mann uns das Loch schließen. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde und kostet 35 DH (weniger als 3,50 €). In Deutschland hätte uns das das Zehnfache gekostet. Der mittlere Atlas hat Ähnlichkeit mit einem deutschen Mittelgebirge. Würde man hier einfach ausgesetzt werden, ohne zu wissen wo man sich befindet, würde man niemals auf Marokko tippen. Zwischen Azrou und Ifrane steuern wir einen Campingplatz an. Wir stehen unter Kirschbäumen, deren Früchte aber erst in einigen Wochen reif sein werden. Hinter uns säuselt ein Bach leise seine stetige Melodie. Ein Hund – nein, die Hunde bellen. Am Nachmittag unternehmen wir eine Wanderung in der Umgebung. Durch das kleine angrenzende Dorf, vorbei an zwei kleinen kioskartigen Läden, bellenden Hunden und über eine Brücke folgen wir einem Pfad, der uns in die Wälder führt. Um uns herum sind kleine ärmliche Gehöfte. Viel haben die Menschen hier nicht zum Leben. Der Wald empfängt uns mit seinem kühlen Schatten. Unterhalb des Weges fließt ein Fluß und ergießt sich in kleinen Wasserfällen zwischen den Höhenunterschieden. Wir klettern hinunter und folgen stromaufwärts seinem Lauf. Grüne schillernde Eidechsen kreuzen unseren Weg und grüßende Marokkanerinnen lächeln uns zu. Quellen speisen den Fluss und schmecken nach Frische und Kühle. Ein sehr stimmiger Ort mit seiner natürlichen Atmosphäre, wenn man es schafft die Augen zu schließen und sich darauf einzulassen. Ich bin vollkommen überrascht, dass alles so grün und frisch ist. Es war wirklich ein guter Tag und wir gewöhnen uns an dies neue Land hier in Afrika. Das Singen des Flusses macht uns schläfrig. Die Nacht wird jäh unterbrochen durch massiven Hagelkörnerbeschuss und tiefes lautes Grummeln der Dunkelheit. Aufgeschreckt blinken die Lichter der Wohnmobile in der Nacht. Ein kurzes Intermezzo. Kein Traum.

19.4.2011 Midelt – städtischer Campingplatz (Juliens Bericht ab jetzt)

Der Blick geht auf das noch zum Teil schneebedeckte Gebirge vor mir. Drohend in tiefen Braun steht es da, mit weißen Feldern von nicht mehr frisch gefallenem Schnee. Die Ulme über mir spendet wunderbar kühlenden Schatten, in dem ich dankbar dies hier schreiben kann. Das Klappern der Störche ist ganz in der Nähe und auch sonst liegen viele Vogelstimmen in der Luft. Der Platz liegt mitten in der Stadt und das Geschrei vom Schwimmbad dringt herüber. 150 Kilometer Fahrt stecken mir in den Knochen. 150 Kilometer voller extremer Landschaften – Eichenwälder an den Hängen, danach ein Plateau baumlos soweit das Auge reicht. Ein azurblau schimmernder See umgeben von Steinen und Stille. Dann der Pass und hinunter geht es, weit in das Tal hinein, in dem uns die Steinwüste erwartet. Rot schimmernd erstrahlt alles – Felsen, Steine, Staub und Haus. Merkwürdige Formationen aus zerbröckelten Fels, vom Wind geschliffen und vom Wasser weggespült. Und die ganz Zeit droht der hohe Atlas vor uns, schier unüberwindbar. Die Menschen an der Straße winken viel mehr und wollen uns gelegentlich zum Anhalten bewegen. Die Kinder wollen meist Bonbons oder Stifte, die Älteren meist etwas verkaufen (was auch immer). Das macht mich nicht nachdenklich, nur wenn wir die vielen Anhalter nicht mitnehmen und sie weiter am Straßenrand in der Mittagsgluthitze stehen lassen, überkommt mich ein Gefühl, nicht richtig gehandelt zu haben.

20.4.2011 Le source bleue Meski

Der Himmel ist bedeckt und viel Wind geht. Wir stehen unter Palmen in einer Oase bestehend aus tausenden Palmen. Palmen, die mit ihrem Grün die Wüste aufbrechen und ihr Leben verleihen. Ein riesiger Fluss fließt hier im Tal und eine Quelle für Fischen und Schwimmbad ist Namensgeber dieser fantastischen Idylle. Oben auf der Ebene schaut man weit in die Wüste, in das tief eingeschnittene Tal mit Palmen, während oben eine ehemalige Kasbah nur noch in Trümmern steht und weiter zu dem wird, was es einmal war – Sand, Staub, Stein. Ein großer Teil meines Ichs bezweifelt vehement die Tatsache, dass wir tatsächlich hier sind, dass mein Auge wirklich die verfallene Kasbah erblickt, dass ich den Bus wirklich über den hohen Atlas gelenkt oder in das leuchtende Blau des Sees geblickt habe, der auf 2000 Metern Höhe in der Sonne glänzt. Und doch zeugt es von Realität, wenn meine Sinneszellen am Arm signalisieren, dass der Wind kühler wird, wenn der Mund und die Nase trocken werden vom Wüstenwind, wenn der warme kindliche Händedruck der kleinen Marokkaner, die ein Auto geflochten aus Palmenblättern an den Mann bringen wollen und mit Stiften oder Bonbons wieder gehen, an mein Gehirn meldet, dass ich tatsächlich hier bin. Dass es keine Simulation ist, nicht portioniert oder vorprogrammiert. Reine greifbare Realität, die sich umso mehr manifestiert, je mehr ich hier schreibe und meine Gedanken diese Hand führen. Und doch sind meiner Realität Grenzen gesetzt, wenn mein Unvermögen zu stark wird und ich die Fülle der Eindrücke einer Verarbeitung unterziehen muss, die solange dauert, dass ich schon wieder vorbei bin am Moment, am Jetzt. Und weitere Grenzen sind mir gesetzt durch meine Art, sie zu beschreiben. Durch die Wortwahl, einen Gedanken zu erklären und mit Leben auszufüllen. Eben kam wieder ein kleines marokkanisches Kind und wollte ein geflochtenes Kamel verkaufen. Es ist schon fast lustig, wie wenig man weiß und erlebt hat, egal wie alt man ist.

21.4.2011 Campingplatz an der Sanddüne Erg Chebbie

Die Nacht war stürmisch und verjagte die Wolken. Der Morgen war klar und kühn der Sprung in das frische Wasser. Hinein, um mit den Fischen zu schwimmen. Über mir die Palmen und der vorspringende Fels. Langsam getaucht in goldenen Schein. Ganz allein. Nach dem Frühstück liefen wir zur verlassenen, aufgegeben Kasbah. Überquerten den Fluss mit Hilfe einer Palmenbrücke und ergaben uns vollständig dem Zauber der Ruinen. Wie sie wohl hier gelebt haben? Wann sie ihn aufgegeben haben? Aus Lehm und Fels und Staub und Stein wird es zu dem, was es vorher war. Und dann haben wir noch Tee getrunken und lange erzählt, gehandelt, geredet. Letztendlich kam ein wirklich schönes Tuch dabei heraus. 60 DH inklusive drei Postkarten. Danach fuhren wir in die Wüste hinaus. Vor uns 150 Meter hochragend die Sanddüne. Es ist heiß und ganz viele Fliegen haben sich im Bus versammelt. Im Hintergrund gibt eine Ziege merkwürdige Geräusche von sich und der Wind wackelt wieder wohlig am Bus. Dass Menschen sich in so einer Gegend niederlassen zeugt entweder von Kampfesmut oder blanken Wahnsinn. Aber wer weiß, dem Zauber der Wüste sind schon viele erlegen. Wenn man hierher fährt ist weit und breit nichts. Es ist alles flach und bis zum Horizont ist keine Veränderung der Farbe oder des Gesteins ersichtlich. Alles ist reduziert. Während Susi im Bus den Blog aktualisiert und Bilder über eine Wireless Lan Verbindung ins Internet lädt, welches selbst hier in der Wüste zugänglich ist, sitze ich hier in einem kühlen großen Raum. Ringsum Sitzgelegenheiten, blaugelbe Fließenbilder auf dem Boden und Teppiche und Tücher an den Wänden machen den Raum noch gemütlicher. Ein Marokkaner liegt auf der Wandbank, schaut fern und erzählt mir über Eigenheiten von hier. Im Sommer kann es bis zu 56°C heiß werden (im Schatten wohlgemerkt). Jetzt in der Mittagshitze ist es schon unerträglich warm draußen. Seit 7 Jahren betreiben sie hier ihr kleines Unternehmen und ich muss sagen, es ist ein sehr angenehmer Ort. Gerade habe ich mich mit einem Chinesen aus Honkong unterhalten. Ein sehr freundlicher Mensch und ebenfalls Gast hier. Nun zu meinem ersten Kaffee hier in Marokko. Es ist vom Geschmack her eine Karamellnote zu vernehmen und auch Spuren von Zimt, Nelken und Kardamon sind zu erahnen. Jeder Schluck ist eine Überraschung. Er haut gut rein, obwohl er dünner ist als der portugiesische Kaffee. Aber kein Herzrasen wird ausgelöst und er verschafft ein seliges Lächeln im Gesicht. Ich schätze es liegt an der Röstung.

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