Feliz ano novo (Bericht von Julien)


Auf das Weihnachtsfest folgt wie jedes Jahr Silvester und wir raten jedem, der die Nase voll hat vom kriegsähnlichen Ausnahmezustand auf den deutschen Straßen, den Jahreswechsel in Portugal  zu feiern. Hier ist es nämlich strikt verboten, privat herum zuknallen und im Kleinen Krieg zu spielen. Stattdessen wird den Portugiesen ein farbenprächtiges offizielles Feuerwerk in jeder Stadt geboten. Aber alles der Reihe nach.

Am 29.12. hole ich Datze und Kai, Freunde aus Dresden, vom Flughafen in Faro ab. Es gibt als Willkommensessen Hähnchen piri piri (scharf) und guten portugiesischen Wein. Gespeist wird im Bus, während draußen ein fürchterliches Gewitter mit mächtigem Donner tobt und die Wolken große Regenmassen zur Erde senden. Die beiden haben sich eine Ferienwohnung gemietet, die am Rand von Lagos liegt. Zehn Minuten benötigt man zu Fuß ins Zentrum und zehn Minuten zum nächsten Strand. Nachdem die Übergabe erfolgt ist, machen wir uns auf, die Innenstadt zu erkunden und unser Wiedersehen zu feiern. Es regnet noch immer und wir lassen uns nach einiger Suche in einer englischen Bar nieder, bei der man vom Regen geschützt draußen sitzen kann (Hunde sind in den portugiesischen Gastronomiebetrieben leider untersagt). Im Inneren flackern Fernseher und aufgeregte Engländer kommentieren ein laufendes Fußballspiel. Sind wir im richtigen Land? Gleich darauf fließt gutes portugiesisches Bier (Christal), Cola  und Whiskey unsere Hälse hinunter. Den Beiden scheint es hier zu gefallen. Kein Wunder. Es ist ca. 30 °C wärmer als in Deutschland, die Drinks sind billig und die Kontaktaufnahme zu  anderen Gästen der Bar erfolgt prompt, was die Suche nach etwas Besonderem natürlich erleichtert.  Im Green Room, einem Club der uns schon bei der ersten Runde ins Auge gefallen ist, scheint gerade einiges los zu sein und wir fragen den Barkeeper, ob wir Hannibal mit hineinnehmen können. „Nur wenn es kein  Rottweiler ist“, antwortet er. Was folgt ist ein fünf minütiger Disput darüber, ob unser Hund der Hunderasse Rottweiler zuzuordnen ist oder nicht. „Is this a Rottweiler? This is a Rottweiler.“ Der betrunkene Barkeeper versucht Hannibal zu streicheln und ich merke, wie es dem Hund gegen den Strich geht. Es ist zu laut für ihn, zu viele Menschen und außerdem ist es schon kurz vor Mitternacht. So beschließen wir, für heute Schluss zu machen. Susi und ich fahren wieder nach Mexilhoreira  Grande und legen uns schlafen, während die beiden Urlauber noch die Vorzüge des Nachtlebens von Lagos genießen und sich durch die Pubs und Clubs feiern. Unsere Bedenken, dass die beiden den Weg in die Ferienwohnung zurückfinden zerstreuen sich schnell,  denn als wir sie am nächsten Nachmittag besuchen, liegen sie quietsch vergnügt auf dem Balkon in der Sonne und genießen den wirklich wunderschönen Tag. Wir parken den Bus unter dem Balkon und gesellen uns zu ihnen. Dieser Balkon wird für die nächsten Tage unser Stammplatz sein. Wir essen genüsslich und laben uns an einer Flasche köstlichen Portweins, den wir unter lauter Trinksprüchen und mitleidigen Gedanken an die im Schnee Gefangenen genießen.

Es ist der letzte Tag des Jahres und es müssen einige Vorbereitungen getroffen werden.  Einkaufen für das Silvesteressen ist angesagt. Zu viert streifen wir durch den Intermarché und füllen den Korb bis fast zum Rand. Bacalaugeruch steigt uns aus der Fischabteilung in die Nase und lässt sie ein wenig rümpfen. Der Laden ist voll. Wir sind nicht die einzigen, die sich auf den Abend noch vorbereiten müssen. Wir vernehmen Stimmen in den unterschiedlichsten Sprachen – Deutsch, Englisch, Portugiesisch. Nach getaner Arbeit widmen wir uns dem Freizeitvergnügen und laufen an den Strand.  Die Sonne lädt förmlich dazu ein. Die Klippen sind aufs Neue beeindruckend und so auch das Meer. Datze wird von den Wellen angezogen und kann sich gegen einen Hüpfer ins kalte Nass nicht wehren. Wir anderen tollen ausgelassen mit Hannibal am Strand umher. Was für ein letzter Tag des Jahres 2010. Besser könnte er nicht sein. Die Sonne geht langsam hinter uns unter und taucht das Wasser in schimmerndes Gold. Sandra und Graham sind ebenfalls back in town. Da Graham in den letzten verbleibenden Stunden des Jahres noch immer an seiner Masterarbeit bastelt, kommt Sandra allein zu uns. Als  Silvesteressen gibt es einen deftigen Salzbraten, Ofenkartoffeln, Broccoli mit Käsesauce, würzige Wurst in Weinsoße, Salat und Portwein. Jeder darf etwas kochen. Wir speisen wieder einmal wie die Götter auf besagtem Balkon. Die kleine Katze, die uns von der Straße aus anmiaut bekommt auch ihren Teil. Der Abend neigt sich langsam seinem Höhepunkt zu und wir laufen zur Ponta da Piedade, um gemeinsam den Beginn eines neuen schönen Jahres zu feiern. Es gibt kein Knallen, keine Explosion, alle sind gut drauf und jeder feiert wie er will. Und dann ist es soweit. Exakt um 0.00 Uhr wird die gesamte Bucht von Ponta de Piedade bis nach Ferragudo in wunderbares Feuerwerkslicht  getaucht. Es ist berauschend den Raketen zuzusehen, wie alle einer verborgenen Choreographie folgend aufsteigen, nacheinander sich öffnen, wie Blüten gleich, die dem Sonnenaufgang frohlocken und in einer Kaskade von tausenden Funken letztendlich verlöschen. Dies alles scheinbar verdoppelt durch die Reflexion, die das sonst so dunkle Meer so wunderbar erstrahlen lassen. Wir beglückwünschen und umarmen uns und begrüßen das neue Jahr ausgelassen. Möge es eines der besten werden. Datze und Kai gehen in die Stadt und feiern weiter. Sandra gesellt sich zu Graham, der seine Masterarbeit endlich abgesendet hat (und er hat sie ausgezeichnet bestanden).  Susi und ich bleiben im Bus, da Hannibal uns nach einer Panikattacke klargemacht hat, dass er nicht allein zurückbleiben kann oder will.

Der Neujahrsmorgen ist fantastisch: sonnig, klar, perfekt zum Anbaden, was nach einem schönen Frühstück auch sogleich bei einer Flasche Vinho Verde umgesetzt wird. Das Wasser ist zwar nicht sehr warm, aber es fühlt sich herrlich an und darauf kommt es ja schließlich an, oder? Das die Treppe nicht bis nach unten zum Strand reicht, ist in dem Moment wenig bremsend. Im Klettern sind wir glücklicherweise geübt. Der Rest des Tages wird mit Würfel spielen und Musik hören verbracht.

An nächsten Tag steht nach einer Palmschneidehilfsaktion bei Tö eine Strandtour bei Alvor auf dem Programm. Übrigens sind die eingeführten Palmen in Portugal stark durch einen Käfer bedroht, der seine Puppen im Stamm ablegt und sie von innen heraus zerstört. Kai, Biologe und Insektenspezialist, findet diesen Käfer und seine Puppen in einer abgestorbenen Palme. Er hat einen langen Rüssel, einem Elefanten gleich.  Nur die kleinen einheimischen portugiesischen Palmen scheinen vor dem Feind geschützt zu sein. Bedeutet das das Ende des typischen Urlaubsbildes mit Palmen?

Der Sandstrand von Alvor scheint kilometerweit und erstreckt sich zwischen der Lagune und Portimão. Es ist ein Paradies für Muschelsammler. Man findet dort alles in allen möglichen Farben und Formen – Mies-, Herz- und Jakobsmuscheln. Susi hat dort schon Stunden zugebracht. Vorher besorgen wir uns allerdings im Continente Hähnchen piri piri und Baguette, welches wir im Schatten einer Strandhütte hungrig verspeisen. Das Wetter ist verführerisch und es ist gerade Ebbe, so dass wir wunderbar zwischen Felsen herumspringen, uns durch zehn Meter lange Tunnel durchquetschen und der Brandung bei ihrer Arbeit zusehen, wie sie einen bestimmt acht Meter hohen Felsen komplett überspült. Das ständige Kommen und Gehen der Wellen an unserem Gestade hat etwas Meditatives und der Geist geht sofort auf Wanderschaft, wenn man sich hinsetzt und die Augen schließt.

Kai und Datze mieten sich ein Auto und wir fahren gemeinsam nach Sagres. Hier herrscht eine ganz besondere Stimmung, denn von hier aus geht es nur noch per Schiff weiter. Es ist das Ende des europäischen Festlandes. Wir besichtigen die Festung Fortaleza auf einem Felsausläufer, der weit in den Ozean um uns herumreicht. Heinrich der Seefahrer ließ die Bastion vermutlich als Schutzburg ausbauen. 1587 wurde sie vom englischen Korsar Sir Francis Drake zerstört und anschließend wieder aufgebaut. Die See ist ruhig und reflektiert das klare Sonnenlicht  in unzählbaren kleinen facettenartigen Spiegeln und wartet mit Übergängen von dunkelstem Blau bis smaragdenem Grün auf. Mutige Hochseeangler versuchen sich im Klippenfischen. Man spürt förmlich, wie die See nach einem ruft und zu Reisen in andere Länder auffordert. So muss es auch den bekannten Seefahrern ergangen sein. Der unendliche Horizont ruft verlockend und verspricht neue bunte Eindrücke. Die Salzluft und das Laufen machen uns hungrig. Wir speisen in einem Restaurant mit fantastischem Blick aufs Meer. Kai und ich bestellen Bacalau, in zwei unterschiedlichen Rezepten und sind überrascht, dass aus dem steifen Lappen Fisch, der in jedem Supermarkt vor sich hin stinkt, so ein schmackhaftes Essen werden kann.

Der folgende Tag ist bereits der Tag des Abschiedes. Zu schnell vergeht die Zeit.  Wir übergeben die Wohnung, bringen das Mietauto zurück und frühstücken entlang der Hafenpromenade in Lagos auf einer kleinen Mauer. Die Sonne scheint, so wie sie es für die beiden während ihres Aufenthaltes die meiste Zeit getan hat. Danach bringen wir sie zum Bahnhof in Lagos, verabschieden uns überschwänglich und sind froh, eine schöne Zeit mit den beiden hier im Süden Europas verbracht haben zu dürfen. Der Lokführer gibt Signal und so fahren sie zum Flughafen nach Faro und fliegen in den Schnee zurück. Bis bald!

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Oh Du Fröhliche – Feliz Natal


Wie wird es wohl sein, das Weihnachtsfest ohne Familie, Weihnachtsbaum und Schnee? Wir haben uns geschworen, es diesmal ruhig anzugehen. Glücklicherweise müssen wir die Feiertage nicht ganz allein verbringen. Sandra und Graham, Freunde aus Manchester,  reisen drei Wochen lang durch Portugal und was bietet sich da mehr an, als ein Ferienhäuschen zu mieten und Weihnachten zusammen zu verbringen. Die Vorweihnachtszeit ist dann leider doch etwas stressiger als gedacht. Die Suche nach einer Unterkunft gestaltet sich schwierig. Die Wohnung soll günstig sein,  hundefreundlich und für maximal drei Tage. Das Problem ist, dass die meisten keinen Hund akzeptieren, erst ab einem Mindestaufenthalt von einer Woche vermietet werden oder wiederum zu teuer sind. Das Durchforsten der Internetseiten kostet uns ein paar Tage. Wir machen uns sogar auf zu einem Tipp aus unserem Reiseführer. Er liegt nahe Barão de São João. Die Straße windet sich durch Eukalyptus bewachsenes Land und weit ab von jeglicher Zivilisation finden wir den beschriebenen Hof. Es gibt ein Gehege mit Schafen, einen Garten und mehrere Gebäude. Der Besitzer ist allerdings noch unterwegs. Wir warten. Als er eine halbe Stunde später kommt, zeigt er uns die Räumlichkeiten und unternimmt mit uns in seinem Jeep eine kurze Fahrt zu dem nahe gelegenen Stausee. Er und seine Frau bauen  all das seit 19 Jahren auf. Sein Herzblut steckt in der Wiederaufforstung der Umgebung. Dazu hat er sogar mehrere Portugiesen beschäftigt. Man sieht ihm seine Geschichte an der wettergegerbten Haut an. Er steckt immer noch voller Energie, wirkt sehr geschäftig. Am Stausee angekommen erzählt er uns, dass hier vor ein paar Jahren noch eine Holzhütte als Ferienunterkunft gestanden hat. Sie ist abgebrannt. Er vermutet, es waren Windkraftgegner. Beweisen kann er es aber nicht. Zurück bei den Gebäuden bedanken und verabschieden wir uns. Letztendlich entscheiden wir uns nicht für die Ferienwohnung. Es ist schön hier, aber zu weit abgelegen. Die Suche im Internet geht also weiter. Und es lohnt sich. Wir finden ein kleines altes Häuschen in Ferragudo. Am Tag vor Heilig Abend fahren wir hin, um es uns anzuschauen und die Schlüsselübergabe zu vollziehen. Es wird von einem deutschen Pärchen vermietet, das bereits einige Jahre in Portugal lebt. Wir fahren eine enge Gasse hinauf und erkennen das Häuschen an seinem kleinen Vorgarten. In ihm blüht ein Zitronenbaum vollbehangen mit gelben sauren Früchten. Das Haus ist alt und gemütlich. Und es hat einen Kamin! Perfekt für die Weihnachtsabende. Einziges Manko – durch den anhaltenden Regen ist in der Küche ein Wasserschaden entstanden. Aber über den Fleck an der Decke lässt sich hinwegsehen.  Eine kleine schmale Treppe führt hinauf zur Terrasse und zum Kinderhaus, was quasi das zweite Schlafzimmer darstellt. Zwei große Hochbetten bieten genug Platz. Von der Terrasse hat man einen wunderschönen Blick über Ferragudo und hier oben wächst ein Orangenbaum, von dem wir uns reichlich bedienen dürfen, was wir auch ohne Zögern tun.

Um die Mittagszeit am 24.12. holen wir Sandra und Graham vom Bahnhof in Portimão ab. Gegenüber befindet sich ein kleines Cafe,  in dem wir uns einen bica (kleiner Kaffee) und Kuchen gönnen, während wir auf die Ankunft des Zuges warten. Kurz darauf ist es soweit und ich entdecke  Sandra zwischen all den anderen Reisenden, wie sie suchend über den Parkplatz blickt. Wiedersehensfreude und eine dicke Umarmung folgen. Netterweise haben uns Christina und Tö ihre kleine Uschi (den weißen Seat) geliehen und wir quetschen uns zu viert plus Hund und Gepäck ins das Auto. Nächster Halt ist das Einkaufszentrum E.Leclerc, in dem wir uns mit allem Nötigen für die bevorstehenden Tage eindecken. Die große Frage ist natürlich, was es als Weihnachtsessen geben soll. Wir entscheiden uns dafür, kein traditionelles deutsches Essen zu kochen. Nach dem Einkauf erhöhen wir sofort den Luftdruck der kleinen Uschi.

Ferragudo ist ein kleines Fischerdorf an der gegenüberliegenden Flussseite von Portimão. Man spürt noch den ursprünglichen Charme. Aber auch dieser Ort ist vom touristischen Betonbauboom nicht verschont geblieben. Um den ursprünglichen Kern ziehen sich die gleichförmigen Ferienhaussiedlungen. Der Ortskern mit seinen engen Straßen, Gassen und Treppen und dem Hafen ist zum Glück noch so wie man es sich erhofft. Kurz nach unserer Ankunft im weihnachtlichen Domizil unternehmen wir einen Spaziergang durch das Dorf. Es wirkt sehr ruhig. Von den Terrassendächern bellen uns regelmäßig Hunde an. Ein Blick nach oben enttarnt die kleinen Kläffer. Im Hafen liegen die Reusen aufgeschichtet. Möwen kreisen über dem Wasser. Heute fängt hier niemand mehr Fische. Der Blick über den Fluss eröffnet die Skyline von Portimão. Schön ist etwas anderes. Warum haben die Portugiesen nur so eine Vorliebe für gleichförmige, schnöde Betonbauten? Wir wandeln durch die Gassen und Graham versucht krampfhaft noch ein Geschenk für Sandra zu finden. Die Arbeit an seiner Masterarbeit hat ihm keine Zeit dazu gelassen.  Der Tag neigt sich dem Ende zu und im Haus wieder angekommen machen wir uns an die Zubereitung des Weihnachtsessens. Es gibt Curry und leckeren gegarten Fisch, dazu Wein. Ein Festschmaus. Es muss nicht immer Gans sein. Wir sitzen gemütlich am Kamin, trinken Wein und  die Weihnachtsfrau Sandra beschert uns. Es ist genauso ruhig und friedvoll, wie wir es uns gewünscht haben.  Ein perfekter heiliger Abend.

Es beginnt wieder zu regnen. Und zwar sehr stark. In der Nacht werde ich von einem regelmäßigen Tropfgeräusch geweckt. Ich quäle mich aus dem warmen Bett und gelange vom Schlafzimmer in eine Tropfsteinhöhle. Es tropft über dem Esstisch, es tropft über dem Kühlschrank, es tropft über der Tür zum Terrassenaufgang, es tropft über dem Sofa. In meinem Halbschlaf versuche ich Handtücher auszulegen, um das Wasser aufzufangen. Mehr kann ich nicht tun und verkrieche mich wieder im Bett. Am Morgen wird das Desaster deutlich. Die Tapete wölbt sich an den wasserdurchlässigen Stellen und ist zum Teil schon abgebröckelt. Beim Aufgang zur Terrasse hat sich ein neues Geräusch hinzugesellt. Es erinnert an einen Fluss in einer unterirdischen Höhle. Wir entdecken einen alten Brunnen, der wahrscheinlich gerade wieder voll läuft. Der Wettergott hat zum Glück ein Nachsehen mit uns und lässt den Regen versiegen. So öffnen wir die Fenster, um der Feuchtigkeit den Weg nach draußen zu weisen.  Es ist geradeso, dass wir nicht aus unserem liebgewonnen Domizil ausziehen müssen. Wir informieren die Vermieter und bemitleiden sie wegen der bevorstehenden Renovierungsarbeiten. Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Brot aus der deutschen Bäckerei in Lagos und frisch gepresstem Orangensaft geht es hinaus. Die Sonne hat die Oberhand gewonnen und wir schlendern vorbei an einem Kastell den langen Sandstrand entlang. Die Sonne kitzelt unsere Haut und sorgt für eine gesunde Vitamin D Produktion, die Sandra im lichtarmen England ansonsten verwehrt bleibt.  Auf dem Rückweg schieben sich die Wolken wieder in den Vordergrund und wir verbringen den Rest des Tages Neuigkeiten austauschend vor dem Kamin.

Es ist der zweite Weihnachtsfeiertag. Für die Portugiesen ist es kein offizieller Feiertag. Die Geschäfte, Cafes und Restaurants haben ihre Pforten für die Gäste wieder geöffnet. Wir entschließen uns, einen Ausflug zu unternehmen und brechen ins nahegelegene Carvoeiro auf. Graham bleibt zurück, um weiter an seiner Masterarbeit zu feilen, die er am 31.12. abgeben muss. Carvoeiro ist ein kleiner malerischer touristischer Fischerort, der sich in eine Bucht schmiegt und viele kleine Cafes und Restaurants zu bieten hat. Von dort aus starten wir eine Wanderung entlang der Küste mit ihren beeindruckenden Klippen. An dem bekannten Algar Seco, eine vom Meer ausgewaschene Gesteinswelt, laufen wir auf dem Hinweg vorbei. Die Wanderung lässt die Seele fliegen wie die Möwen, die ihre Kreise über den Klippen ziehen und mit den Luftströmungen spielen. Das Meer schwappt weiße Wellen gegen das Gestein. Höhenangst ist hier am falschen Platz. Die Sonne vollführt ein farbenfrohes Wechselspiel mit den Wolken. Das Meer passt sich dem Himmel an. Dort, wo die Sonne durchkommt, zeigt es sich in einem tiefen Atlantikblau. Da wo die Wolken herrschen ist auch das Meer von grauer Natur. Die riesigen Blütenstengel der Agaven ragen hoch in den blauweißen Himmel und sind das letzte Vermächtnis dieser kräftigen Pflanzen vor ihrem Ableben. Kleine Ratten haben sich in ihrem Unterholz ein Heim eingerichtet. Es geht bergauf und bergab und hinter jeder Biegung gibt es etwas Neues zu sehen. Unter uns eröffnen sich riesige Höhlen vom Meereswasser Jahr um Jahr ausgewaschen.  Zurück in Carvoeiro blättern wir durch die „Zeit“ bei einem kleinen Kaffee und zuckrigen Backwerk.

Es ist der Tag der Abreise. Eines der stressfreiesten Weihnachten neigt sich dem Ende zu. Wir haben es sehr genossen. Nachdem wir das Haus wieder übergeben haben, fahren wir gemeinsam nach Silves. Es liegt im Landesinneren am Rio Arade, der Fluss, der bei Ferragudo und Portimão ins Meer mündet. Wir parken am Fluss und machen uns zu Fuß auf zur maurischen Festung, die weithin sichtbar über der Stadt thront. Silves erlebte seine Blütezeit während der arabischen Herrschaft. Das Castelo ist ein Vermächtnis aus dieser Zeit. Im 11 Jh. wurde der Ort zur Hauptstadt der Algarve und zählte fast 40.000 Einwohner, Darunter viele Philosophen, Dichter und Musiker. Doch die christliche Reconquista beendete das Erblühen der Stadt. Heute leben noch ca. 11.000 Menschen ins Silves. Wir durchlaufen die Straßen der Stadt, vorbei an Kirchen, vorbei auch an der Festung zum geschlossenen Korkmuseum. Leider hinterlässt die Ortschaft keinen besonderen Eindruck bei uns. Zwar gibt es beschauliche Fleckchen, aber der Funke springt nicht über. Als wir etwas in einem Restaurant essen wollen, sagt man uns, dass es nichts mehr gibt, obwohl andere Gäste gerade genüsslich speisen. Seltsam. So verlassen wir Silves hungrig und machen uns auf in Richtung Lagos. Dort angekommen füllen wir unsere Mägen in der deutschen Bäckerei mit riesigen wunderbaren Tortenstücken und Kaffee.  Da tut es uns um Silves gar nicht mehr leid. Wir verabreden uns für den nächsten Tag und während Sandra und Graham eine Unterkunft für die Nacht suchen, fahren wir zurück zu unserem Bus nach Mexilhoeira Grande.

Lagos hat einen beschaulichen Altstadtkern, aber noch bekannter ist es für die Ponta da Piedade (Spitze oder Ecke der Barmherzigkeit). Es ist eine Landzunge etwas südlich von Lagos, die für ihre bizarren Felsformationen bekannt ist. Grotten, Tunnel und Bögen durchziehen die Klippen. Im Sommer werden hier Grottenfahrten mit Booten oder Kajaks angeboten. In dieser Jahreszeit ist das Meer zu wild. Wir treffen Sandra und Graham gegenüber der deutschen Bäckerei. Dort haben sie für die Nacht ein Zimmer gemietet. Mit dem Auto fahren wir bis zum Leuchtturm auf der Landzunge und stellen es dort ab. Es ist ein extrem windiger Tag und man muss aufpassen, nicht umgeweht zu werden. Die Felsformationen sind tatsächlich beeindruckend. Beeindruckend ist auch, wie das Meer in schwindelerregender Tiefe gegen die Felsen knallt. Die Felsen sind mit einem grünen Teppich überzogen und überall blühen kleine Blumen. Eine in den Fels eingefügte Treppe führt uns 20 Meter hinab zum Meer.  Zwischen den riesig aufragenden ockerfarbenen Felswänden stehen wir und schauen auf das ungestüme Wasser. Im Moment können wir uns wirklich nur schwer vorstellen, hier mit einem Boot entlang zufahren.

In Lagos zurück erkunden wir noch ein wenig die Altstadt. Enge Straßen, eingerahmt von alten, zum Teil kachelverzierten Häusern, die kleine Geschäfte und unzählige Restaurants und Cafes beherbergen, verleihen der Stadt die mediterrane Leichtigkeit, die Urlauber so sehr schätzen. Im Sommer muss es hier nur so brummen. Jetzt genießen wir die winterliche Ruhe und deren leere Straßen. „Die Altstadt atmet Geschichte“, erklärt uns der Reiseführer. Er hat recht. „Bereits die Phönizier, Kelten und Römer siedelten rund um das geschützte Hafenbecken. Teile der arabischen Stadtmauer aus dem 8. Jh. Sind erhalten. In Lagos wurde die Zeit der ruhmreichen Seefahrten eingeläutet; dem größtenSohn der Stadt, Gil Eanes, gelang 1434 die Umseglung des sagenumwobenen Kap Bojador vor der marrokanischen Südküste.“ Wir treiben durch die Gassen der Stadt, wie Holz auf einem Fluss und stärken uns in einem rumänischen Restaurant namens Dracula. Für die Nichtvegetarier unter uns  gibt es riesige Portionen Fleisch. In einer Ecke an der Decke hängt ein Fernseher aus dem laut schräge rumänische Musik tönt,  zu der traditionell gekleidete Menschen singen. Nur die Lippensynchronisation passt nicht ganz. Ein unvergesslicher Restaurantbesuch. Es ist an der Zeit, sich zu verabschieden. Sandra und Graham fahren weiter gen Westen und Norden, kommen aber zu Silvester noch einmal zurück. Wir bringen die beiden zum Busbahnhof und winken aus der kleinen Uschi zum Abschied.

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Ankunft im Land der Regenbogen


Ich bin wieder zurück. Habe das eingeschneite Deutschland hinter mir gelassen. Der Flug ist anstrengend, aber das Ankommen entlohnt die Strapazen. Julien wieder in die Arme zu schließen, Hannibal durch das Fell zu streicheln, im Bus bei Kerzenschein zu essen, den Regen auf das Dach prasseln zu hören und der Natur so nah zu sein….all das kann ich jetzt wieder genießen. Am ersten Abend sehe ich nicht viel von der Algarve, denn es wird kurz nachdem ich meine Füße wieder auf portugiesischen Boden setze dunkel. Es regnet und es ist angenehm warm. In der kleinen weißen Uschi, der Seat von Christina und Tö, tuckern wir von Faro in Richtung Lagos. Unser erster Stopp gilt dem riesigen Supermarkt Continente, bei dem wir uns mit duftendem gegrilltem Hähnchen, Baguette und einem Sixpack Bier eindecken – das Juliensche Begrüßungsessen. Erste Lektion:  An der Fleischtheke zieht man eine Nummer. Es erinnert ein wenig an die deutschen Ämter, hat aber den Vorteil, dass man nicht zum Warten verdammt ist, sondern in der Zwischenzeit alle anderen Zutaten einsammeln kann. Supermärkte sind eigentlich fast überall gleich. Die Besonderheit der portugiesischen sind die riesigen stinkenden Fischlappen, auch Bacalau (in Salz getrockneter Kabeljau) genannt – eine Landesspezialität, an denen man den Einkaufswagen so schnell wie möglich vorbei schiebt. Es ist ein Angriff auf den feinen Geruchssinn. Schwer vorstellbar, dass das essbar ist und auch noch schmecken soll. Eine andere Besonderheit der portugiesischen Supermärkte sind die Plastiktüten, mit denen man am Ende des Einkaufs zugeschüttet wird. Hier ist auf jeden Fall noch Potenzial für ein gesteigertes Umweltbewusstsein vorhanden. Ich bin fasziniert davon, wie sich Julien galant durch die portugiesische Welt bewegt. Der Monat Abwesenheit hat mich schnell wieder verdeutscht. Alles ist mir noch so fremd, ihm aber wohlbekannt. Unser zweiter Stopp gilt der Vila do Passadores. Etwas abseits im Grünen steht unser Bus. Endlich zurück. Ich fühle mich sofort wieder heimisch. Und da ist es ganz egal, wo unser mobiles Heim steht. Ich lerne Christina, Tö, Birk und Garlic kennen. Die Menschen und der Hund, die Julien und Hannibal während meiner Abwesenheit den Unterschlupf gewährt und ihm eine Art zu Hause gegeben haben. Liebe und nette Menschen, die mich in ihrem Häuschen herzlich willkommen heißen. Ich bin angekommen.

Der Morgen offenbart mir die pure Grünheit. Nachdem sich meine Augen an den weißen Schnee gewöhnt hatten, sind sie von den grünen Pflanzen und Wiesen geradezu geschockt. Palmen, Agaven, Klee und wir mittendrin in diesem paradiesischen Garten. Ich bin noch ziemlich kaputt. Es muss an der Wetterumstellung liegen. Ein Temperaturunterschied von 25°C muss erst einmal verkraftet sein. Wir befinden uns zwischen Lagos und Portimao, auf einer Art Halbinsel, in der Nähe einer Lagune. Über einen huckeligen Weg, der alle Eingeweide ordentlich durcheinander schüttelt, fahren wir mit Uschi zur Lagune – ein Paradies für Ornithologen und das zu Hause zahlreicher Vögel. Ein Wechselbild von grünen Hügeln, braunen sumpfartigen Gebieten, weißen Wolken und dem graublauen Meer baut sich vor uns auf. Die Farbkontraste sind immens. Ich versuche die Schönheit der Natur mit dem Fotoapparat einzufangen, scheitere aber immer wieder aufs Neue. Besonders beeindruckt mich das Zusammenspiel der Wolken und der Sonne. Wenn es hier regnet, dann nur kurz. Nach ein paar Minuten scheint wieder die Sonne mit ihren mächtigen Strahlen. Sie schiebt sich dann ganz gemächlich hinter den turmartigen Wolken vor. Das Ergebnis dieses Wechselspiels sind unzählbare Regenbogen. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Regenbogen in so kurzer Zeit gesehen und freue mich jedes Mal wieder wie ein kleines Kind, sobald ich einen entdecke. Ich glaube, man könnte Stunden damit zubringen, dieses Wetterschauspiel zu beobachten. An klaren Tagen erkennt man in der Ferne das Gebirge von Monchique. Aber sehr oft ist es von einer Wolkendecke umhüllt. Und auch wenn man das Gefühl hat, dass diese innerhalb von wenigen Minuten bis zu uns zieht und sich über uns in einem Schauer ergießt, passiert das einfach nicht. Es bleibt wie mahnend am Monchique Gebirge hängen und lässt uns sonnige Spaziergänge am Meer genießen. Ich kenne den Sommer an der Algarve nicht, aber der Winter ist auf jeden Fall sehens- und erlebenswert.

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Allein unterwegs – Juliens Bericht


15.11.2010 bis 22.11.2010 Auf dem Weg an die Südküste Portugals

Was nun folgt kommt einer Odyssee nach homerischen Ausmaßen gleich. Angefangen bei der Suche nach einer Gastankstation mit einem blauen Elefanten als Firmenlogo in einem Gewerbegebiet von der Größe einer mittleren Stadt. Diese entpuppt sich letztlich als Autowaschanlage, wie mir der Betreiber persönlich glaubhaft versichert. Gefolgt von der Ursachenforschung nach dem rechts krachenden Geräusch des Busses beim Durchfahren von Schlaglöchern und Bodenwellen. Denn die Reparatur der Federhalterung hat dem Bus zwar wieder eine waagerechte Haltung verschafft, das ursprüngliche Problem allerdings nicht behoben. Wie viele Mercedesautohäuser und Firmen es in Portugal gibt,  die Federn reparieren, weiß ich nicht. Vom Gefühl her habe ich über Tage hinweg, in einer scheinbar ewig dauernden Irrfahrt, alle abgeklappert, die zwischen Viano do Castelo, Braga, Guimareas und Porto existieren. Letztlich nur um das Problem ansprechen zu können, von der  Beschaffung der Ersatzteile ganz zu Schweigen. Bis hin zum Versagen der Stromversorgung vom Laptop.

Das Wetter ist die ganze Zeit über nicht in Bestform. Es regnet, die Sonne ist selten draußen. Aber dafür ist es nicht so kalt. Am Strand rennt Hannibal einer einzelnen Möwe nach, vertreibt  sie und kommt danach Freude strahlend zurück. Ich schaue den Hund an und beginne dann im vollen Sprint mit ihm gemeinsam in einen riesigen Schwarm von Möwen zu rennen, die am Boden dem Regen stillen Widerstand leisten und nun alle gezwungen sind, in die Luft aufzusteigen. Doch anstatt einfach wegzufliegen, fangen sie an, mich zu Hundertern zu umkreisen, in der Hoffnung sich bald wieder am selben Platzt niederlassen zu können. Ich stehe also im Zentrum  dieses Wirbelsturms aus Vögeln, wie im Auge eines Hurrikans, und in diesen Moment entscheide ich mich, einfach in den Süden weiterzufahren, in der Hoffnung, dass all die Probleme bis dahin auf ihre Lösung  warten können. So entschließe ich mich nach Lagos zu fahren, um Tö und Christina, den vorherigen Besitzern des Busses, um Hilfe und einen Stellplatz zu fragen.

Die Fahrt geht los an der Küstenlinie, führt durch Porto  vorbei an wunderschönen alten Portweinherstellern, die teilweise schon seit Jahrhunderten hier sind, pittoresken Hafeneindrücke und leider auch den unvermeidlichen Hochhäuseransammlungen. An diesem Tag komme ich allerdings nicht weiter als bis nach Gafanha, wo ich nach einer ewigen Suche und massiver Unterstützung durch die freundlichen Einheimischen einen Campingplatz aufsuche. Er kostet nur 3,90 Euro, weil einer von den zwei Sternen abhanden gekommen ist. Viele Dauercamper sind hier und haben sich gut eingerichtet. Die Dusche ist einfach herrlich und bringt mich sofort auf ein anderes Energieniveau. Nach einem Abendessen bestehend aus einem süßen, schmackhaften Fruchtsalat und Portwein,  schlafe ich sehr schnell ein.

Am nächsten Morgen bin ich früh wach und fahre im Sonnenaufgang davon. Die Fahrt geht über Städte wie Mira, Figuera da Foz, Leira, Rio Maior, Alenquer, Vila Franca bis Alcacer. Hier angekommen finde ich schnell einen wunderbaren Stellplatz direkt am Fluss Rio Sado. In dem Moment, wo ich den Motor ausmache geht die Sonne hinter mir in einem furiosen Farbespiel unter und vor mir ein riesiger Vollmond direkt über dem dahinfließenden Strom auf. Alcacer ist sehr schön, da es seine Ursprünglichkeit bewahrt hat. Viele alte Gemäuer  mit kleinen engen Gassen, die direkt am Fluss enden, ältere Frauen die auf dem Gehweg die Garnelen ab puhlen und sofort feilbieten und eine riesige Festung, die über der Stadt thront, sind die ersten und eindrücklichsten Erfahrungen der Stadt. Die Festung hat in frühen Zeiten bestimmt eine gute Möglichkeit geboten, den Fluss zu überwachen. Nach einem Rundgang kaufe ich mir am Kiosk noch eine regionale Köstlichkeit, Pinienkerne in Honig gebacken, absolut schmackhaft und komischerweise gar nicht so süß.

Der Morgen ist recht ungewöhnlich. Ich erwache sehr früh als es noch komplett dunkel ist. Da ich nicht wirklich wissen will, wie spät es ist und eigentlich weiter schlafen möchte, tue ich dass, was ich immer tue, wenn ich nicht schlafen kann, nämlich einen Schluck Portwein trinken. Als ich aber doch auf die Uhr sehe, gesteht sie mir direkt und ohne Umschweife, dass es bereits 6.30 Uhr ist. So beschließe ich, mich anzuziehen und nach draußen zu gehen. Der Mond geht gerade nach seinem Lauf in der entgegengesetzten Richtung unter. Er hat damit genau so lang gewacht, wie ich geruht habe. Ich schlendere über die Fußgängerbrücke. Vor mir tagt es langsam. Ich erforsche die kleinen Gassen nach einer Bäckerei, die eventuell schon geöffnet hat. Und finde eine, der hier viel anzutreffenden Pastetarias – kleine Cafés, die süßes Gebäck in Hülle und Fülle anbieten. Ich mache mich sofort daran mit einem Galáo und einem verzuckerten Teilchen zu frühstücken.  Die Sonne hat noch nicht ganz die Berge mit goldenem Schein überzogen, als die Störche auf dem Kirchturm anfangen ihr einen morgendlichen Gruß entgegen zu klappern. Als sie schließlich den Horizont als glühenden Feuerball überschreitet, setzte ich den Bus in Bewegung, um die letzte Etappe meiner Reise zu bewältigen.  Da mittlerweile Sonntag ist, sind die Straßen wie leergefegt. Ich fahre an der Stadt Sinnes vorbei, durch Ondemira und Alzejur, um schließlich am 22.11.2010 gegen Mittag in Lagos anzukommen. Die Sonne scheint in voller Pracht, das Meer schimmert fantastisch und ist auch sonst alles, was man von ihm erwartet: grau, grün, Azur, unendlich, silbern, salzig, nass. Das Mittagessen schmeckt so gut, wie lange nicht mehr. Ich beziehe erst einmal auf einem Stellplatz im nahe gelegen  Ort Portimao Quartier und mache mich daran mit Hannibal zusammen den Strand zu erkunden. Wir laufen die Mole entlang, zum vor uns liegendem Leuchtturm, vorbei an Anglern, die wiederum nur kleineFische fangen und schauen auf den endlosen Horizont der ausgebreitet, wie eine Rolle Stoff vor uns liegt. Nach so vielen gefahrenen Kilometern bin wirklich von ganzen Herzen froh hier angekommen zu sein. Wir schlendern am Strand entlang, ich krabbele durch ein Loch im Felsen und komme auf der anderen Seite in einer total stillen Bucht heraus. Niemand da, außer ein paar Möwen, die von Zeit zu Zeit ein markerschütterndes Geschrei von sich geben. Hier telefoniere ich mit meiner Susi und bin so glücklich, wenigstens ihre Stimme hören zu können. In einem Strandcafe, bestelle ich mir einen Kaffee und ein riesiges Stück Apfelkuchen, mit einem Berg Vanilleeiskrem und einem Haufen Schlagsahne und lasse es mir bei jedem kleinen Bissen, mit Blick direkt aufs Meer, mehr als munden. Ein älteres englisches Paar sitzt neben mir und sofort entsteht ein Gespräch  über Hannibal, über das Wetter usw. Smalltalk einfach nur, aber es ist einfach schön wieder mit jemanden reden zu können. So vergeht der Rest des Tages in wundervoller Wärme und ich muss keinen Stellplatz mehr suchen, sondern kann mich vergnügt in mein Bett hauen und schön schlafen.  Am nächsten Morgen mache ich mit Hannibal eine schöne Strandrunde und führe dann nötige Wartungsarbeiten am Bus durch, Öl auffüllen, Achsenschenkel abschmieren, Antriebswelle fetten usw. Darüber ist es Mittag geworden und ich kann zum Tö fahren und dort den Bus an exakt demselben Ort abstellen, an dem ich Ihn letztes Jahr im Juni abgeholt habe, um ihn nach Potsdam zu fahren.

23.11.2010 Angekommen

Hier stehe ich also, inmitten von tropischer Vegetation – verschiedenen Palmsorten, Aloevera, Erdbeerbäumen. Ich habe Elektrizität, ein WC, frisches Wasser, kann meine Wäsche aufhängen, habe das Vordach zum ersten Mal seit Beginn der Reise installiert und lausche dem Kirchengeläut, dass eine wunderbar verträumte, leicht melancholisch angehauchte Melodie spielt. Sonst ist es absolut still, bis auf ein wenig Hundegebell und das Brummen des anfahrenden Zuges in der Ferne. Tö und Christina sind so freundlich und liebenswert, wie man es sich nur vorstellen kann. Wir kochen und essen zusammen und es erfüllt mein Herz mit stiller Freude, wie sie sich um ihren vor wenigen Wochen geboren Sohn namens Birk kümmern. Bis vorgestern war noch ein Freund von Tö da, der Stephan und wir haben ganze Abende lang diskutiert, debattiert und uns über die Problem der Welt ausgetauscht. Es hat mich sehr an meine Zeit in der WG in Potsdam erinnert. Jetzt bin ich in meinem Bus, Hannibal schläft unter mir in seiner Höhle und wenn ich diesen Blog hier aktualisiert habe, werde ich anfangen weiter Musik zu machen und an ein paar neuen Songs zuarbeiten.

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Das verheißungsvolle Land….Portugal


5.11. bis 6.11.2010 Caminha

Am Morgen brechen wir schnurstracks in Richtung Portugal auf. Wir überqueren den Grenzfluss Rio Minho bei Tui am Vormittag und mit Überquerung der Grenze fühlen wir uns gleich viel wohler. Kleine mit Fließen geschmückte Häuser, Menschen, die das Antwortlächeln kennen…Wir beschließen zur Feier des Tages uns einen Campingplatz im Ort Caminha zu gönnen.  Es ist fantastisch. Die Sonne scheint wieder und der Wasserbüffel beschließt noch einmal, wohlgemerkt es ist Anfang November, die Wonnen des Meeres zu genießen. Der Platz liegt genau an der Mündung des Flusses. Ein paar Fischerboote liegen im Brackwasserbereich. Man kann kilometerweit am Strand entlanglaufen und seinen Blick weit schweifen lassen. 300 Meter vorgelagert liegt eine kleine Insel mit Wehranlage, die in der Gischt eines zu Ende gehenden Tages mit seinen geraden, massiven Mauern den Eindruck einer letzten Zufluchtsstätte oder Trutzburg erweckt. Ein letzter Ort zum Rückzug oder vielleicht doch ein Kloster oder gar Gefängnis.  Nach all den Tagen der Fahrerei, jedem gefahrenen Kilometer und jeder Tankfüllung ist dies der wohlverdiente Ausgleich. Frisch geduscht machen wir uns einen wunderschönen vergnüglichen Abend.

Am Morgen unternehmen wir einen Spaziergang in den Ort. Vorbei an kleinen wunderbar verzierten Häusern laufen wir zur Stadtmauer. Alles hat Mittelmeerflair. Hier gibt es noch kleine Läden wie zu früheren Zeiten. Ein Drogeriegeschäft, in dem ein altes Mütterchen hinter einer Glastheke sitzt und auf Kundschaft wartet. Hinter ihr ein riesiges Regal mit Allerlei Drogeriebedarf. Daneben ein Geschäft mit Haushaltsbedarf und einen Eingang weiter präsentiert ein Werkzeughändler seine Ware auf dem Bürgersteig. Die Sonne bahnt sich jetzt immer stärker ihren Weg. Wir sitzen, wie viele Einheimische draußen auf dem zentralen Platz und trinken unseren ersten Galálo (Milchkaffee). Mühsam versuchen wir unsere portugiesischen Wortfetzen richtig zu platzieren. Es ist wirklich angenehm hier zu sein. Wir freuen uns über die Freundlichkeit, die die Portugiesen an den Tag legen. Sie grüßen gerne zurück und sie lächeln von allein. Ein älterer Mann ist sofort von Hannibal begeistert und streichelt ihn ausgiebig. Auch die Art und Weise, wie die Portugiesen ihre Städte bauen und pflegen ist viel angenehmer als wenige Kilometer nördlich. Sie scheinen von dem in Spanien überall herrschenden  Bauboom verschont geblieben zu sein.  Wir entschließen uns einfach noch eine Nacht hier zu verbringen. Am Abend unternimmt Julien noch einen Spaziergang am Meer, während ich per WLAN Kontakt nach Hause pflege.

Julien:„Der Mond scheint hell und klar in einem silbrigen Licht. Es ist gerade Ebbe und man kann den schnell dahinfließenden Strom von Süßwasser gut erkennen. Viele kleine Reflexionen im Sand lassen den Strand wie ein Glitzerband erstrahlen. Die sich zurückziehenden salzigen Gewässer durchziehen den Sand wie feine kleine Äste oder Zweige, die einen an die Aderung von großen Blättern erinnern. Die See draußen ist ruhig und sammelt Kraft für ihre neue Flut.“

Wir bekommen einen Portwein geschenkt, weil der Betreiber gerade 50 Jahre Bestehen des Campingplatzes feiert. Den trinken wir genüsslich, während wir mit Oma und Opa und Onkel und Tante skypen.  Dann um 22.30 Uhr bekommen wir den Anruf, der alles aus der Bahn wirft. Die Firma zu Hause brennt. Die Wellen des Schockes dringen tief und rauben mir jeglichen Schlaf. Nach dem Telefonat mit meiner Mutti wird klar, dass die ganze Produktions- und Lagerhalle in Schutt und Asche liegt. Nur das Büro hat es überstanden. Was soll ich tun? Zurückfliegen und zu Hause in der schwierigen, stressreichen Zeit zur Seite stehen? Julien und Hannibal hier alleine zurücklassen? Merkwürdigerweise denkt man immer, dass man die Reise auf Grund anderer Dinge abbrechen muss, dass man krank wird, dass das Auto kaputt geht oder man einen Unfall baut. Es sind solche Geschehnisse, auf die man einfach nicht vorbereitet ist. Sie entziehen sich jeglicher Einflussnahme. Wie geht es jetzt weiter? Es ist für mich wie für meine Familie eine schlaflose Nacht.

7.11.2010 Viana do Castelo

Schnell wird klar, dass die Firma wieder aufgebaut werden soll. Ob und wann ich nach Hause fliegen soll ist noch unklar. Wir versuchen die Tage des Wartens und Zweifelns so gut wie es geht zu nutzen. Doch es fällt uns nicht gerade leicht.

Am nächsten  Mittag fahren wir weiter nach Viana do Castelo und parken direkt am Strand, genauso wie hundert andere Einheimische. Sie kommen hierher, um zu spazieren oder sich im Auto zu sonnen, während sie Lesen, Kreuzworträtsel lösen, schlafen oder einfach nur dasitzen, um auf das Meer zu schauen und miteinander zu reden. Es sind vor allem ältere Pärchen, die den Sonntagnachmittag auf den Vordersitzen Ihrer Autos verbringen. Sehr sympathisch. Ein Frau ist mit Stift im Mund und Kreuzworträtsel auf dem Schoß eingeschlafen. Es sind lustige Bilder. Nach einem sonnigen Spaziergang tun wir es ihnen gleich. Wir setzen uns vorne in den Bus, schauen auf das Meer, beobachten den Sonnenuntergang und hängen unseren Gedanken nach. Balsam für die Seele. Es ist gerade Ebbe und der offene Meeresboden entblößt sein dunkles, steiniges Gewand. Am Abend beginnt es wieder zu regnen und der Wind rüttelt am Bus als wolle er unbedingt mit hinein. Entsprechend unruhig wird die Nacht.

8.11.2010 Ponte de Lima

Von zu Hause habe ich noch keine Meldung, wann ich kommen soll. So beschließen wir, derweil zum Nationalpark Penada Geres zu fahren. Auf unserer Route kommen wir durch Ponte de Lima, die älteste Stadt Portugals. Ein sehr schönes Städtchen, das seinen Namen der Brücke, die den Fluss Lima mitten im Ort überspannt, verdankt. Diese historische Brücke hat 24 Bögen, von denen vier am Südufer noch aus der römischen Zeit stammen. Eine Aufstellung römischer Holzsoldaten legt Zeugnis davon ab. Es ist gerade Markttag (der berühmte zweimonatliche Markt wird bereits seit 1125 abgehalten) und hunderte von Ständen bieten ihre Ware feil. Wir kämpfen uns durch die Stände voller Klamotten und finden einen Ost- und Gemüsestand, bei dem wir uns mit frischem Obst für einen sehr geringen Preis eindecken. Der Regen hat zum Glück aufgehört. Julien schlendert durch die kleinen Straßen, während ich im Bus weiter vor mich hin grübele. Die Straßen sind gesäumt mit ganz vielen  Cafés, in denen die Portugiesen ihrer kalten, feuchten Wohnung entfliehen können und sich kochkommunikativ in der Gesellschaft ihre Landsleute befinden. In diesem Punkt sind sie den Griechen sehr ähnlich. In den elegant gewundenen Laternen sind versteckt Lautsprecher  integriert, aus denen sanft melancholische Musik ertönt, die von einer Frauenstimme getragen wird. In dem Fremdenverkehrsamt bekommt Julien von einer sehr freundlichen Mitarbeiterin ein paar Infos über den Nationalpark. Wir beschließen in Ponte de Lima zu nächtigen und erst am nächsten Morgen Richtung Osten aufzubrechen.

9.11.2010 Ponte de Barca – Braga – Guimaraes

Am Morgen unternimmt Julien einen zweiten Spaziergang in das Städtchen. Ein Portugiese winkt ihm zu und bedeutet ihm, sich zu ihm zu setzen. Er hat schon sein erstes Bier intus und gewährt Julien einen kurzen Einblick in die Ausdrucksweise von verschiedenen portugiesischen Vokabeln, während Julien einen Kaffee schlürft, um munter zu werden. Berührungsängste gibt es keine. Im Gegenteil, man wird quasi gleich eingemeindet. Gegen Mittag fahren wir weiter flussaufwärts nach Ponte de Barca. Regen. Wir parken und laufen ein wenig entlang des Flusses. Immer wieder müssen wir uns vor den Güssen unter einem Brückenbogen in Schutz bringen. Der Fluss ist durch den starken Regen gut genährt und kurz davor über die Ufer zu treten. Kraftvoll bewegt er sich in Richtung Meer vorwärts. Wir erkunden die Stadt, erledigen ein paar Einkäufe und treffen dann eine klassische Fehlentscheidung. Der Regen und die Aussicht, dass ich bald nach Deutschland zurückfliegen muss, lassen uns zweifeln. Wir entschließen uns in Richtung Porto zu fahren und nicht weiter zum Nationalpark. Wir durchqueren Braga, was uns mehrere Stunden kostet, da wir uns immer wieder verfahren. Eigentlich suchen wir einen Stellplatz für die Nacht, aber die Ausschilderung treibt ihren Schabernack mit uns und der nachmittägliche Horrorverkehr gibt uns den Rest. Mit den Nerven am Ende finden wir eine Straße, die aus Braga hinausführt und ich lotse Julien nach Guimaraes, in der Hoffnung, dass wir hier mehr Glück haben. Guimarães wurde vom Rat der Europäischen Union zur Kulturhauptstadt 2012 ausgerufen und hat deshalb mein Interesse geweckt. Das Problem ist, dass die Fahrerei uns ausgezehrt hat und wir auch hier Probleme haben, einen Stellplatz zu finden.  Über die engen Straßen poltern wir im Kreis durch die Stadt bis wir letztendlich doch noch einen Parkplatz finden, auf dem wir uns erschöpft niederlassen.

10.11.2010 Nationalpark

Der letzte Tag hat uns klar gemacht, dass wir wie ursprünglich geplant zum Nationalpark fahren sollten. Wir verschieben die Besichtigung von Guimarães auf ein anderes Mal. Das was wir jetzt brauchen ist Bewegung in wilder Natur. Und es ist die richtige Entscheidung. Umrahmt von fünf Gebirgszügen zieht sich mit einer Größe von über 70.000 Hektar der Nationalpark „Parque Nacional da Peneda-Gerês“ über 80 km an der spanischen Grenze zwischen der Serra da Peneda und der Serra do Gerês entlang. Die Landschaft die wir betreten raubt uns den Atem. Wir fahren bis Vila do Geres eine kurvenreiche Straße hinab ins Tal und vorbei an einem riesigen Stausee, der zum Baden und Paddeln einlädt. Wäre es doch nur 10°C wärmer. Über 100 kleine Ortschaften gibt es im Park, und in manchen Dörfern sieht man sich immer noch wie in eine andere Zeit zurückversetzt.  Die Menschen im Nationalpark leben überwiegend von Ackerbau und Viehzucht. Vila do Geres ist ein Thermalbad- und Erholungsort. Allerdings sind jetzt auch hier alle Pforten geschlossen. In unserem Reiseführer finden wir einen beschriebenen Wanderweg in den Nationalpark, den wir nach einer kurzen Stärkung in Angriff nehmen. Zuerst geht es hinauf zum Plateau. Der Berg ist ziemlich steil und wir müssen öfters Pausieren, um zu Atem zu kommen. Es ist ja schon wieder etliche Wochen her, dass wir solche Anstrengungen unternommen haben. Wir passieren ein Haus, aus dem eine Horde kleiner Wichtlingshunde springt, die uns in ohrenzerreißenden hohen Tönen anbellen und vertreiben wollen. Hannibal bleibt entspannt, ignoriert die Plagegeister  und orientiert sich an uns. Wir werden weiter verfolgt und Julien platzt die Hutschnur. Er baut sich vor den kleinen Kläffern auf und beginnt bedrohlich zu knurren. Das macht Eindruck und die Angreifer ziehen sich zurück. Wir wandern durch einen Dschungel geprägt von Eukalyptus, riesigen Farnen, meterhohen Ginster, einer Art Oleander und riesigen Zypressenbüschen. Es folgt ein Übergang zu Zedern, Kiefern, Pinien und Douglasien. Kurz vor dem Plateau bei 1000 m Höhe sind dann nur noch Kiefern anzutreffen. Ein kleines Schaf kommt uns entgegen. Ein Zeichen? Wenn ja, was für eines? Warum steht es hier auf dem Weg? Wo will es hin? Wo sind die anderen Schafe? Es ist scheu, aber auch neugierig. Gehen wir einen Schritt, läuft es auch einen weiter. Bleiben wir stehen, tut es das auch und schaut uns interessiert an. Um es nicht durch unseren Aufstieg weiter nach oben zu drängen, machen wir Platz und lassen es seiner Wege ziehen (hoffentlich wird es nicht von den 50 Wölfen gerissen, die es hier im Nationalpark geben soll). Beim Erreichen des Plateaus gibt es nur Gras und kleine Büschel von rotbraunem Farn. Überall quellt Wasser aus Felsen, Erde und Stein. Taußendquell würde es bei Julien heißen. Steinmännchen in allen Variationen säumen den Weg. Aber das Besondere ist, dass überall versteinerte Lebewesen einer anderen Welt einfach so da liegen.  Im Moment des Erstarrens für die Ewigkeit konserviert. Hier eine Fußsohle dort eine Schulter und als Krönung eine riesige Krone bestehend aus steinernen Flammen. Riesige Quader scheinen einfach ineinander gefallen zu sein, wie Schotter. Alles ist flach und abgerundet, keine Ecke, Kanten oder Zacken. So lange liegen sie schon da oben, geschliffen durch das herbe Klima über Zeitalter hinweg. Zauberwelt. Ich drehe mich nach Julien um und erschrecke. Julien denkt sofort …Wölfe. Aber direkt neben uns liegen im hohen braunen Farn kleine, halbwilde Pferde, die durch ihre Brauntöne perfekt getarnt sind und selbst vor uns erschrocken aufgestanden sind. Sie schauen uns an, zeigen weder Scheu, noch Interesse, fressen weiter oder legen sich wieder hin. Die Sonne kommt heraus und verzaubert uns mit fantastischen Ausblicken ins Tal. Der Stausee unter uns glänzt im goldenen Schein, die gesamte Bergwelt ist eine wahre Pracht. So abgeschieden ruhig, in sich stimmig, einfach nur da. Wir kommen am Bus nach 600 Höhenmetern auf 10 km Länge ziemlich erschöpft an, machen Essen, gehen ins Bett und schlafen ein. Es war eine der schönsten Wanderungen, an die wir uns erinnern werden.

11.11.2010 Darque

An nächsten Morgen kommt der mütterliche Anruf mit der Bitte, dass ich nächste Woche nach Hause kommen soll. Es soll so schnell wie möglich wieder mit der Produktion begonnen werden und jede Hilfe wird jetzt benötigt. Wir machen uns auf in Richtung Porto. Wir fahren über viele huckelige Straßen und irgendwann haben wir das Gefühl, dass etwas mit den Federn oder Stoßdämpfern nicht stimmt. Auch das noch. Es kracht spürbar, wenn wir über Straßenhuckel fahren und seien es auch nur ganz kleine. So können und wollen wir nicht weiterfahren. Wenn jetzt noch mehr kaputt geht, dann haben wir den Salat. In Esposende angekommen suchen wir im Internet die portugiesischen Worte für Federn, Stoßdämpfer, kaputt und so weiter (In unserer Dämlichkeit haben wir vergessen, ein Portugiesisch Wörterbuch mitzunehmen.)und machen uns auf zur nächsten Werkstatt. Hier werden wir an eine weitere Werkstatt verwiesen, was Erinnerungen an Frankreich aufsteigen lässt. Der Besitzer der zweiten Werkstatt spricht zum Glück ein sehr gutes Englisch und klärt uns erst einmal auf, dass das Problem nicht bei den Stoßdämpfern liegt, sondern bei den Federn. Und er nennt uns eine Werkstatt, die auf die Reparatur von Federn spezialisiert ist. Sie liegt allerdings in entgegengesetzter Richtung bei Viano do Castelo. Also dort, wo wir vor ein paar Tagen erst waren. Aber uns bleibt keine Wahl. Wir fahren nach Darque, der Vorort von Viano do Castelo und finden nach einigem Suchen die Werkstatt. Allerdings hat sie schon geschlossen. Wir sind ausgelaugt und entschließen uns, die Nacht auf einem Campingplatz zu verbringen. Eine heiße Dusche ist in solchen Situationen eine Wohltat.

12.11.2010 Porto

Am nächsten Morgen suchen wir als erstes die Werkstatt auf. Mit Hilfe eines jungen Werkstattnachbars, der des Englischen mächtig ist, erfahren wir, dass die Halterung der Feder gebrochen ist und dass er sie aber erst am Dienstag reparieren kann. Wir vereinbaren den Termin und überlegen, wie es weitergehen soll. Der Werkstattbesitzer hat uns versichert, dass wir ruhig nach Porto fahren können und das tun wir dann auch.  Am Flughafen angekommen buche ich den Flug für den 15.11.2010. Alles fühlt sich im Moment komisch an. Der Gedanke an das Geschehene und daran Julien für einen Monat alleine lassen zu müssen, bedrückt mich. Wir sind beide traurig. Wir beschließen bis zum Flug hier in der Nähe zu bleiben und die gemeinsame Zeit noch zu genießen. Auf einem kilometerlangen Strandparkplatz in Matosinho, kurz vor Porto parken wir uns ab. Hier scheint es ganz in Ordnung zu sein. Vor uns das Meer und hinter uns eine riesige Fabrik, aus deren Schloten grauer Rauch steigt. Aber wir sind jetzt nicht wählerisch.  Sobald es dunkel wird kommen Herrscharen von jungen portugiesischen Paaren und vergnügen sich in ihren Autos. Dies zieht auch Spanner an, was uns eine schlaflose Nacht beschert.  Denn eines von diesen Exemplaren dachte, dass auch unser Bus ein Vergnügungsobjekt ist. Er stellt sich mit seinem weißen Lieferwagen neben uns, steigt aus, schleicht um den Bus und versucht einen Blick zu erhaschen, während wir uns in Kampf- und Spähposition bringen. Es ist gruselig. Kurz darauf steigt er wieder ein und fährt auf die andere Seite des Busses. Er steigt wieder aus und schleicht wieder um den Bus. Erfolglos steigt er wieder in seinen weißen Lieferwagen und fährt zum nächsten Auto. Die Folge war eine bis 2 Uhr schlaflose Nacht, in der wir den Spanner und seine Handlungen beobachten. Vier Stunden lang fährt er von einem Auto zum nächsten. Uns lässt er zum Glück in Ruhe. Eine Horrornacht.

13.11.2010 – 14.11.2010 Leca de Palmeira

Hier wollen wir keine weitere Nacht verbringen. Am nächsten Morgen haben wir mehr Zeit zum Suchen eines Stellplatzes und finden einen wunderbar ruhigen, abgelegenen Strand etwas weiter nördlich, an dem kein Spanner uns den Schlaf raubt. Hier verbringen wir die restliche Zeit, die uns noch verbleibt. Es regnet und gleichzeitig scheint die Sonne. Wir trinken Galáo im 1 km entfernten Strandcafe, laufen lange am Strand entlang, schauen den Wellen zu, die trotz sturmgepeitschter See so akkurat sind und genießen die Stunden so intensiv wie möglich. Wir spielen unser Wellenspiel, bei dem man so nah wie möglich ans Meer hingeht und wegrennt, wenn die Welle versucht, einen zu fassen. Wir versuchen den Gedanken an unsere bevorstehende Trennung zu ignorieren, aber hier und da kommt doch eine Ahnung der uns bevorstehenden einsamen Zeit ins Bewusstsein und lässt einen sofort innerlich erzittern.

15.11.2010 Abflug

Es ist soweit. Es geht zurück nach Deutschland. Ich fasse es immer noch nicht. Nach nur drei Monaten, aber einer gefühlten Ewigkeit, werde ich wieder Berliner Boden betreten. Der Morgen gibt sich gnädiger Weise sonnig. Wir laufen ein letztes Mal den Strand entlang. Die Wellen sind heute bombastisch. Weiße schäumende Riesen, vor denen wir wie paralysiert stehen bleiben. Wir trinken einen letzten Galao am Strand und fahren dann zum Flughafen. Der Abschied fällt schwer. Sehr schwer. Ich muss die Tränen unterdrücken. Hannibal möchte hinterher als ich durch den Check in gehe. Eine Glaswand trennt uns nun und bald viele tausend Kilometer.

Julien:

Ich bleibe also mit dem Hund und dem Bus hier zurück und meine Susi fliegt in das kalte und dunkle Vogtland, um ihrer Mutter beizustehen. In dem Buch, welches ich gerade lese („Der menschliche Makel“ von Philip Roth)steht, dass man sein Leben nie völlig in der eigenen Hand hält, umso mehr, finde ich, muss man für seine Überzeugungen kämpfen. So rückt das Flugdatum also heran, wir fahren zum Flughafen, sagen einander  „ Ich liebe Dich“ und schon ist sie durch die Kontrolle und durch Sicherheitsglas von mir getrennt. Ich ringe um Fassung, denn noch nie hat es so weh getan sie gehen lassen zu müssen. Nach drei Monaten gemeinsamen Reisens. Im Bus wieder zurück kann ich nicht mehr anders und weine einfach los.

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El viva Espania oder Spanien im Schnelldurchlauf


Dieser Bericht ist eine Zusammenarbeit von Julien und mir. Da ich wegen einem Unglücksfall für einen Monat nach Hause fliegen musste (werdet ihr noch später lesen), hat Julien hier viel beim Schreiben mitgeholfen. Viel Spaß beim Lesen!

30.10.2010 – Biarritz

Nach so vielen wunderschönen Tagen am Traumstrand von Capbreton fahren wir schweren Herzens weiter. Das regnerische Wetter gibt uns gnädigerweise den Anlass dazu, sonst würden wir hier wahrscheinlich Wurzeln schlagen. So sagen wir diesem fantastischen Fleckchen Erde „Lebe wohl!“ und kutschieren über Bayonne nach Biarritz. Alexander, unsere kanadische Bekanntschaft, fährt mit dem Fahrrad voraus und berichtet uns von den  französischen Surfmeisterschaften, die dort gerade stattfinden. Also warum nicht noch ein einen Tag länger in Frankreich verweilen und die wellenreitenden Pinguine beobachten? Den Strand finden wir recht schnell. Nur gibt es innerhalb der Stadt keinen Parkplatz, auf den wir uns mit unserem großem Gefährt stellen können. Ein kurzer Halt und ein Blick auf einen Stadtplan zeigt uns den Weg zu dem einzigen Wohnmobilstellplatz in bzw. etwas außerhalb Biarritz…2 oder 3 Kilometer von den Surfmeisterschaften entfernt. Uns bleibt keine Wahl. Ein Spaziergang im Regen hat ja bekanntlich noch keinem geschadet. Oder doch? Aber Alex wartet auf uns und ihn einfach sitzen zu lassen, wäre sehr unnett. Der Stellplatz ist zwar schon proppevoll, aber der Parkplatzgott ist gnädig zu uns. Wir stärken uns kurz und laufen bei Regen und Wind zum Austragungsort der Meisterschaft. Erst unten entlang am Strand, wo die Wellen bereits das Ufer zurückerobern und wir kurz auf ein paar Steine springen müssen, um nicht von der weißen Gischt erwischt zu werden. Dann weiter entlang der Strandpromenade auf einem winzigen Gehweg, so dass wir bei Gegenverkehr immer auf die Straße ausweichen müssen. Die Stadt hat Charme. Die schönen Gebäude zeugen vom Reichtum der Bewohner. Wir durchlaufen den Hafen mit seinen schaukelnden Booten, vorbei an Felsen, die von den Möwen vereinnahmt wurden und erreichen den Strand, wo eine laute Stimme aus Lautsprechern die Wettbewerber kommentiert. Viele haben sich trotz Regen eingefunden, um dem Wettstreit beizuwohnen. Immer vier Teilnehmer haben gleichzeitig 20 Minuten Zeit, ihr Können unter Beweis zu stellen. Man kann sie anhand der Farben ihrer Neoprenanzüge unterscheiden. Weiß, Blau, Rot, Gelb kämpfen gegeneinander und versuchen die drei Meter hohen Wellen zu beherrschen. Der Moderator kommentiert das Geschehen voller Elan mit „olala“. Einige Male ist die Kraft des Meeres so stark, dass die Surfer es nicht zurück schaffen und an einer anderen Stelle wieder einsteigen müssen. Sie geben ihr absolut Bestes, was jedes Mal mit Applaus unsererseits und von der Sonne mit zwei wunderbaren Regenbogen belohnt wird. Nach einer Stunde stehen der neue  Meister und die neue Meisterin im Surfen fest. Sie werden bei ihrer Ankunft am Strand bejubelt und auf Händen getragen. Die Sonne verschwindet langsam und wir kämpfen uns gegen den Wind zurück zum Bus, wo wir mit Alex gemütlich zu Abend essen und bald darauf todmüde ins Bett fallen. Da raubt einem allein schon das Zuschauen beim Surfen die Kräfte.

31.10.2010 Spanien – Gorlitz

Am letzten Tag des Oktobers überqueren wir nach der Verabschiedung von Alex die Grenze zu Spanien bei Irun. Es gibt keine für uns offensichtliche Grenze. Der Übergang scheint fließend und doch ändert sich vieles schlagartig. Die Beschilderung ist auf einmal zweisprachig – in Spanisch und Baskisch. Das Baskische erinnert ein wenig an Ungarisch. Der Buchstabe X scheint mehrfach vertreten in jedem Wort. Mit frisch gewaschener Wäsche dekorierte Plattenbauten charakterisieren die Städte. Es fällt noch immer Regen. Die Menschen scheinen reserviert zu sein. Wir schaffen es nicht, Ihnen ein Lächeln zu entlocken, was uns verunsichert. Die gesamte Küste ist Industriegebiet und wir sind doch ein wenig schockiert nach so viel schöner Natur. Frankreich hat uns unheimlich verwöhnt, stellen wir fest. Wir fahren weiter, überholen Alex, der fröhlich auf seinem Fahrrad dahin strampelt und lassen San Sebastian in der Hoffnung hinter uns, doch noch irgendwo einen schönes Plätzchen zu finden.  Die Täler sind mit Hochhäusern übersät. Scheinbar hatten die Basken keine Wahl. Der Platz zum Wohnen und Leben ist durch den Atlantik und die umgebenden Berge begrenzt. Also hilft nur nach oben bauen, um die Bevölkerung unterzubringen. Das macht die Städte allerdings unheimlich unansehnlich. Die Landschaft selbst ist eindrucksvoll und  erinnert an die Schweiz mit ihren tiefen Tälern und schnell ansteigenden Höhen. Selbst die Vegetation ist ähnlich. Durch den Wald aus Kiefern und Fichten kommen schnell Assoziationen mit Deutschland auf. Wir beziehen Quartier in Gorlitz auf einem Campingplatz. Es ist der letzte Tag, an dem er geöffnet hat. Es schüttet weiterhin wie aus Kübeln, was den „Pinguinen“ im Wasser aber keinen Abbruch tut. Wir brauchen trotz Regen noch etwas Auslauf und unternehmen einen Spaziergang am Strand. Wir finden einen Tennisball und spielen mit Hannibal Fußball. Trotz seines Alters ist er immer noch ein hervorragender Torwart. Mit Sonne wäre der Spaziergang am Strand ein Hochgenuss. Du lieblich glühender Ball, warum hast Du uns nur verlassen?

1.11.2010 Comillas

Eine lange heiße Dusche erweckt uns am Morgen zum Leben und wir brechen wieder auf. Was will man auch machen, bei so viel Regen. Fahren scheint die einzige Alternative zu sein. Wir schrubben Kilometer als würden wir dafür bezahlt werden. Es geht bergauf und bergab, da wir kein Geld in die Autobahn investieren wollen. Sparen ist die Devise. Unser Bus schnauft verächtlich bei den ganzen Kurven und An- und Abstiegen. Nach Bilbao wechseln wir auf die zweispurige Schnellstraße, die zum Glück ab da kostenfrei ist. Ehrlich gesagt haben wir uns ein bisschen schlecht auf Spanien vorbereitet. Eigentlich haben wir uns gar nicht darauf vorbereitet. Ein Reiseführer würde uns bestimmt ein paar nordspanische Kostbarkeiten offenbaren. Ohne solch einen Leitfaden fahren wir einfach den direkten Weg entlang der Nordküste in Richtung Westen. Wir passieren Santander, ohne zu wissen, was wir vielleicht Interessantes hinter uns lassen. Ich hoffe, Spanien verzeiht uns das. Mein kleiner Weltatlas markiert zumindest die Cuevas de Altamira als besondere Sehenswürdigkeit.  Wir wagen einen Abstecher dorthin und parken in dem kleinen mittelalterlichen Dorf Santillana del Mar. Nach einigem Herumlaufen finden wir einen Wegweiser zu den Cuevas. Um was für Höhlen es sich handelt, wissen wir nicht. Wir wollen es herausfinden und folgen der Straße zwei Kilometer, um letztendlich vor verschlossenen Toren zu stehen. Alle Schließgründe haben wir heute vereint. Wir haben Montag und montags ist geschlossen. Wir haben nach 15.00 Uhr und nach 15.00 Uhr ist außerhalb der Saison geschlossen. Und wir haben den 1.11., einen Feiertag. Geschlossen. Pech gehabt. Zumindest finden wir heraus, dass man hier steinzeitliche Höhlenmalereien bestaunen kann. Vorausgesetzt, die Höhlen sind geöffnet. Man merkt mir meine leichte Enttäuschung an, oder?  Das Weltkulturerbe war bereits vor 18.000 Jahren bewohnt  und die Höhlenmalereien der Urbewohner sind bis heute erhalten geblieben. Altamira ist aufgrund dieser einzigartigen Höhlenmalereien und der reichhaltigen archäologischen Funde aus verschiedenen Jahrtausenden weltweit berühmt geworden. Unbefriedigt treten wir den Rückzug an. Die Landschaft erinnert uns so stark an das heimatliche Vogtland und dabei ist das Meer nur wenige Kilometer entfernt. Zurück in Santillana del Mar entdecken wir erst den wirklich mittelalterlichen Stadtkern, was die Stimmung bei mir wieder etwas aufheitert. Eine Zeitreise ist angesagt. Steinbauten mit kleinen Läden, die uns Dank ihrer neuzeitlichen Ware leider immer wieder ins Jetzt zurückbefördern. Kopfsteingepflasterte Straßen. Eine riesige Kirche. Allein die Sonne fehlt. Und ich entdecke sogar eine Jakobswegpilgerin mit riesigen Rucksack und Wanderstock. Bekanntlich führen viele Wege nach Santiago de Compostela. Einem folgen wir mit unserem Bus, wie uns die Schilder mit Muscheln am Wegesrand immer wieder zu verstehen geben. Eigentlich wollte ich ja selbst ein Stückchen des Weges laufen, aber das Wetter hat meine Meinung geändert. Nach unserer Zeitreise setzen wir unser Kilometerschrubben noch etwas fort und kommen bis Comillas hinter Santander. Wir parken auf dem fast leeren Strandparkplatz. Drei andere Campingwägen geben uns die Gewissheit, hier über Nacht stehen bleiben zu können. Der Ort ist unheimlich ruhig, scheint fast verlassen. Nur an dem großen Strandparkplatz kann man erkennen, wie viele Sommerfrischler hier in der Saison ihre Freizeit verbringen müssen.  Mit Blick auf das brausende Meer sitzen wir vorne im Bus und treiben Schabernack, was zur Folge hat, dass Julien sich  ein Stück seines Zahnes bei der Kollision mit meinem Oberkiefer abschlägt.  Der Abend endet damit ein wenig unglücklich, obwohl wir vorher so viel gelacht haben.

2.11.2010 Luanco

Nach nur zwei Tagen Spanienaufenthalt und wirklich keinem spanischen Sprachverständnis gehen wir am nächsten Morgen auf Zahnarztsuche. Tatsächlich offenbart sich uns noch ein riesiges mittelalterliches Stadtzentrum von Comillas, was wir am Abend zuvor überhaupt nicht erwartet hatten. Vom Touristenbüro (die gute Dame spricht kein Englisch), über die Apotheke gelangen wir zum Zahnarzt. Während ich draußen warte und wie ein unruhiger Tiger um den Platz laufe, stellt sich Julien dem spanischen Dentista. Er versichert ihm auf Spanisch (ich muss hier noch einmal anmerken, dass wir quasi kein Wort der Sprache sprechen), dass er den Zahn nicht ziehen wird und stellt ihn wieder her. Nach einer Stunde und 45 Euro sieht der Zahn fast besser aus als zuvor. Mit komplettem Gebiss  fahren wir weiter. Die Gegend wird sanfter, die Sonne scheint häufiger, riesige Wälder mit Eukalyptus säumen die Straße zu beiden Seiten. Die Industrialisierung und auch die Anzahl der Stockwerke der Häuser lassen nach. Spanien wird uns etwas sympathischer. Wir passieren Gijon und beziehen Quartier in der Nähe von Luanco. Ein Erholungsplatz nur wenige Meter entfernt vom Ozean. Der Parkplatz ist fast leer und die Gasstätte hat ab heute geschlossen. Wir laufen zum Meer und werden von gigantischen Wellen empfangen, die nach einem kilometerweiten Anlauf voller Wucht gegen die Felsen krachen und riesige Fontänen emporschießen lassen. Durch das Wasser hat sich eine Art Fjord gebildet. Voller Ehrfurcht schauen wir hinab und bestaunen, wie das Meer mit jeder Welle versucht, den Fjord weiter auszuhöhlen. Als es dunkelt gesellt sich ein anderer französischer Camper zu uns, so dass wir nicht ganz allein hier sin. Die Nacht ist ruhig und das Wetter wird besser.

3.11.2010 Tapia

Der Morgen ist ein absoluter Genuss. Wir dürfen einen der wunderschönsten Sonnenaufgänge aller Zeiten beiwohnen, und zwar von Anfang an. Während ich vom Busbett aus versuche, das Spektakel bildlich festzuhalten, geht Julien in die morgendliche Frische hinaus.

Auszug aus Juliens Tagebuch:

„Ich konnte um 7:00 Uhr nicht mehr schlafen und öffnete das Dachfenster, um der Welt meine Aufwartung zu machen. Am Horizont konnte man eine blasse Verfärbung des schwärzlichen Nachthimmels gerade erahnen. Ich zog mich schnell an und stiefelte nach draußen in die gar nicht so kalte Morgenluft und dann beobachtete ich das langsame Werden eines neuen Tages. Die ersten Farben entstanden, noch dunkel und blass, dann nur Momente später schon leuchtend, um schließlich eine ganze Kaskade von Abstufungen zu vollführen, der Welt Glanz zurückzugeben, das Grau zu verjagen und den Sinneszellen für Farbsehen im Auge auch etwas darzubieten.  Es war wundervoll bei der Geburt eines neuen Tages dabei sein zu dürfen.“

Nach dem Frühstück in wärmenden Sonnenschein wollen wir noch ein wenig die Landschaft erkunden und wandern entlang der steilen Felsküste. Unter uns die tosende See, die im ewigen Schauspiel mit den Gezeiten, dem Wind und Wetter ihre Rolle so gut spielt wie sie kann.  Doch legt sie sich für uns heute so richtig ins Zeug, um Erinnerungen zu schaffen, die Äonen überbrücken können.  Wir fahren weiter. Der Himmel zieht sich schon wieder zu. Es ist eindeutig Herbst. Wir fahren wie Getriebene. Nichts veranlasst uns zum Verweilen. Es ist, als würde Portugal mit leiser Stimme rufen. Wir schaffen es nicht, eine Beziehung zu Spanien aufzubauen. Also beschließen wir, es so schnell wie möglich hinter uns zu lassen. Wir durchqueren Orte, in denen im Sommer richtig viel los sein muss. Jetzt ist hier aber alles leergefegt, der Großteil der Häuser zugesperrt, alle Jalousien unten. Ferienhäuser und Wohnungen die jetzt kalt, dunkel und feucht werden und bis zum Frühling warten müssen, ehe sich wieder Leben in ihren Gemäuern einfindet. Wir halten in mehreren kleinen Strandorten, in der Hoffnung einen Stellplatz zu finden. Aber es ist nichts Passendes dabei. Erst in Tapia werden wir fündig. Wir beziehen Stellung auf einem Parkplatz mit Blick auf das Meer und unternehmen einen Spaziergang durch das Städtchen. Auch hier  ist alles ruhig. Als wäre das Leben auf Standby gestellt. Die See dagegen ist schwer und stürmisch. Meterhohe Wellen vollführen eine grandiose Performance nach der anderen. Alles schimmert blau-grau, der Himmel, das Meer, selbst die Luft ist erfüllt mit dunstigem, grauem Schleier, herausgelöst aus der hochspritzenden Gischt. Ein paar Angler stehen auf der Mole und fangen ganz kleine Fische und nur ein Restaurant scheint wirklich geöffnet zu haben.

4.11.2010 Santiago de Compostela

Am nächsten Morgen machen wir uns auf zu jener sagenhaften Stadt die den Endpunkt des wohl berühmtesten Pilgerpfades in Europa darstellt. Santiago de Compostela. Dicker starker Nebel zwingt uns noch langsamer zu fahren und versperrt uns den Blick auf die Umgebung. Beim Tanken fällt dem Tankwart auf, dass unser Tankdeckel fehlt. Zum Glück hat der sehr freundliche Herr sofort einen Ersatz parat. Scheint also mehreren so zu gehen.  Vor Santiago lichtet sich mit einem Schlag der Nebel und die Sonne gewinnt die Oberhand. Als hätte jemand den Vorhang zur Seite gezogen. Über der Stadt kreisen vom Weiten sichtbar Hubschrauber. Am nächsten Kreisverkehr signalisiert uns ein Polizist die Geschwindigkeit zu verringern. Er taxiert uns mit strengem Blick, während neben ihm zwei weitere uniformierte Staatsdiener mit Schnellfeuergewehren vor der Brust und tiefdunklen Sonnenbrillen eine furchteinflößende Autorität versprühen. Suchen die hier Schwerverbrecher? Ich habe das Buch von Hape Kerkeling gelesen. Der Gute hat ja den Pilgerweg auf sich genommen und seine Erlebnisse literarisch festgehalten. Im Buch schreibt er, dass jeder den Empfang in Santiago de Compostela erfährt, der ihm gebührt. Ich frage mich gerade, was das für uns nun bedeutet. Eventuell trifft seine Aussage aber auch nicht auf uns zu, da wir ja keine Pilger sind. Hoffen wir das mal. In Santiago werden wir schnell gewahr, warum so viel Wert auf Sicherheit gelegt wird. Von jedem Laternenpfahl lächelt uns Kardinal Ratzinger, jetzt Papst Benedikt der 16te, an. Am Anfang habe ich eine sehr lange Leitung. Ist diese Stadt tatsächlich sooo religiös, dass der Papst überall vertreten ist? Erst als wir an einer kleinen Menschenmenge mit Presseauflauf vorbeifahren klingelt es langsam. Hier wird gerade eine Statue vom Papst in die Senkrechte gebracht, dokumentiert von Fernsehkameras. Ein weiterer Blick auf die Laternenschilder führt zur Gewissheit. Der Herr kommt auf ein Stibvisite vorbei. Bienvenido. Überall laufen Pilger und Papstfans umher. Eigentlich wollen wir Santiago etwas mehr Aufmerksamkeit widmen. Allerdings lassen wir den Plan schnell wieder fallen, als wir feststellen, dass der Campingplatz 20 € kostet und es keine richtigen Parkplätze für uns gibt. Wir quetschen uns mit dem Bus durch die engen Straßen auf der Suche nach einem Parkplatz und verzweifeln fast. Nach einer kurzen Pause etwas außerhalb (nachdem sich unsere Gemüter wieder beruhigt haben), starten wir einen zweiten Anlauf. Wir finden einen Parkplatz und machen uns auf zur Besichtigungstour der Stadt. Santiago de Compostela zählt zum Weltkulturerbe. Zu Recht. Vom modernen Außenring abgesehen ist der mittelalterliche Stadtkern einfach atemberaubend. Er ist übersät mit riesigen Prachtbauten der kirchlichen Instanz, engen kühlen Gassen, kleinen Läden, herrschaftlichen Bauten und gewölbten Gängen, die im Sommer den tausenden Pilgern und Touristen kühlen Schatten spenden. Wir finden eine wunderschöne ruhige Gegend mit einem schönen Café und genießen es in der schönen, warmen Sonne zu sitzen, die Leute zu beobachten, im Internet die Kommunikation mit Freunden aufrecht zu halten und eine sehr schmackhaftes Stück Kuchen zu essen, welches nur aus Mandeln zu bestehen scheint. Wir entdecken die berühmte Kathedrale von Santiago de Compostela. Das Endziel eines jeden Pilgers. Alles läuft hier auf Hochtouren zur Vorbereitung des Papstbesuches in zwei Tagen. Ich werfe einen kurzen Blick in das riesige Gebäude. Die Auskleidung im Inneren  ist aus purem Gold. Der Prunk verschlägt einem die Sprache. So schön es hier ist. Den Papstbesuch mit all seinem Trubel wollen wir nicht erleben. Also fahren wir weiter zur Küste und beziehen nach einer endlosen Fahrt durch bergiges Land mit Eukalyptuswäldern in Noia auf einem Parkplatz Quartier. Das Wetter ist schlecht und die Gegend ist auch nicht besonders einladend und so beschließen wir für den nächsten Tag, den Sprung nach Portugal zu machen.

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Der Ruf des Atlantik


22.10.10 Das Herz des Hérault

Die Fahrt geht am nächsten Morgen weiter. Wir passieren Arles und Montpellier (hier gibt es auf Grund des Streiks kein Benzin mehr an den Tankstellen) und betreten das Department Hérault. Hérault wird beschrieben als natürliches Amphitheater, welches sanft vom Vorgebirge der Cevennen, über das Larzac Plateau und das Montagne Noire zum Mittelmeer hin abfällt. Die Landschaft scheint sehr vielversprechend. Wir rasten kurz in Clermont l’Herault und fahren dann weiter zum 10 Kilometer entfernten Stausee Salagou. Wir gelangen zu einem riesigen Gewässer umgeben von Hügeln und kleinen Bergen. Es ist bewölkt und alles ist mit einem leichten grauen Schleier überzogen. Hier finden wir einen Stellplatz für Camper mit Stromanschluss und Wasseraufladestation für 5 € die Nacht. Wir stellen den Bus dort ab und laufen zum See. Er ist ein wenig ausgetrocknet. Überall finden wir die Zangen kleiner Krebse. Es ist sehr ruhig, bis auf die Möwen, die in Hitchcockmanier wild in der Luft herumschreien. Am Ufer haben einige Angler ihre Zelte aufgebaut. Riesige Angelruten stehen an einem Ständer aufgereiht. Wir umlaufen den halben See und ich bekomme Lust, mir noch mehr von der Umgebung anzuschauen. Aber das Wetter ist nicht optimal. Im Sommer, muss es hier wunderschön sein. Ich speichere mir die Hérault unter „noch zu besichtigen“ ab.

23.10.10 Olargues und le Gorge d‘Heric

Am nächsten Morgen kommen wir nicht sehr weit. Es ist einfach zu schön hier und es wäre ein Frevel, der Gegend nicht noch etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Wir fühlen uns als wären wir Bestandteil eines impressionistischen Gemäldes, als hätte ein Maler mit seinem Pinsel viele kleine Striche in den verschiedensten Herbstfarben gesetzt. Rechts neben uns erheben sich riesige weiße Felslandschaften, die wenn die Sonne durch die Wolken bricht, uns noch mehr in Staunen versetzen. Wir fahren vorbei an dem Ortsschild von Olargues, welches das Dörfchen als eines der 154 schönsten Orte von Frankreich zu erkennen gibt. Nachdem wir das Dorf einen Kilometer hinter uns gelassen haben, beschließen wir umzudrehen. Es zieht uns automatisch zurück. Der Ort entpuppt sich als ein Überbleibsel aus mittelalterlicher Zeit.  Alte Steinhäuser mit zum Teil schiefen Wänden, gebaut aus den unterschiedlichsten Steinen, bilden enge Gassen. Einige Häuser sind direkt auf den blanken Felsen gebaut wurden. Steinstufen führen uns auf und ab, vorbei an verfallenen Häusern, muffigen Kellerlöchern, verwilderten Gärten bis hin zur Pont du Diable, die sich im Tal über den Fluss Le Jaur spannt. Für Kinder wäre der Ort ein reiner Abenteuerspielplatz. Immer mehr bricht die Sonne durch die Wolkendecke. In einem kleinen Park am Fluss lassen wir uns von ihr bescheinen und entscheiden, uns auch die nahe gelegene Schlucht von Heric anzuschauen. Nach einer Stärkung in einem kleinen Café fahren wir ungefähr 5 Kilometer in die Richtung zurück aus der wir erst am Vormittag kamen. Vor dem Schluchteingang finden wir einen Parkplatz. Da wir außerhalb der Saison hier sind, bleiben uns die Parkplatzkosten zum Glück erspart. Uns offenbaren sich riesige Felswände und ein tosender, sich durch Felsbrocken windender Fluss. Ein asphaltierter Weg lotst die Touristen entlang des Flusses. Gleich zu Beginn führt eine kleine Brücke auf die andere Seite der Schlucht. Der Wasserbüffel klettert über die Felsen und genehmigt sich ein Bad. Er muss verrückt sein. Aber was soll man machen. Wir folgen einem Pfad hinauf zum Plateau der Schlucht. Eine anstrengende Wanderung. Der serpentinenreiche Weg scheint kein Ende zu finden. Er führt uns durch Wald, über Stock, Stein und Fels. Das Rauschen des Flusses verschwindet in der Tiefe der Schlucht. Wie entdecken einen Baum mit Früchten, die wie Erdbeeren aussehen, aber ganz weich und innen orange sind. Später lesen wir, dass man aus diesen Früchten Marmelade und gute Liquors zubereiten kann. Völlig aus der Puste erreichen wir das Plateau in 650 Metern Höhe. Wie immer hat sich die Anstrengung gelohnt. Vor uns liegt die steil abfallende  Schlucht mit ihren zackigen Felsen. Dahinter breitet sich das Land in hügeligen Wellen aus. Die Sonne spielt mit den Wolken. Ein Panorama. Und die Batterie des Fotoapparates ist leer…. Wir rasten ein wenig und genießen die Aussicht bevor wir uns an den Abstieg wagen. Wir beschließen auf dem Parkplatz zu nächtigen und gleich am Morgen noch eine Wanderung entlang des asphaltierten Weges zu unternehmen.

24.10. – 25.10.10 Reisetage

Der Himmel hat sich in der Nacht zugezogen. Trotzdem wollen wir die Schlucht durchlaufen. Julien geht hinunter zum Fluss und versucht sich einen Weg über die Felsen zu bahnen. Wie ein kleiner Junge springt er hin und her, während das Wasser laut vor sich hin tost. Mit nach oben geneigten Köpfen staunen wir über das Werk der Natur. Wir folgen etwa 1 ½ Stunden dem Fluss bis die Felsen neben uns flacher werden und der Weg bergan führt. Er bringt uns zu einem Steinhaus mitten im Nichts. Holzfeuerduft liegt in der Luft. Kleine blaue Tische stehen auf einem Platz. Im Sommer werden die Gäste hier mit Erfrischungen bewirtet. Ein Hund bellt im Haus. Der Weg führt vorbei an einem Verschlag mit Hühnern und Enten. Idylle pur. Beneidenswert. Wir machen uns auf den Rückweg, da wir leichten Hunger verspüren. Kurze Zeit nachdem wir am Bus angekommen sind, fängt es an stark zu regnen. Das Zeichen für uns, aufzubrechen. Die Welt hat sich vom impressionistischen Gemälde in ein einziges Grau gewandelt. Wir folgen der Straße nach St. Pont-de-Thomières, in dem die Straßen auf Grund eines Festes völlig verstopft sind. Polizisten versuchen in den Kreisverkehren einigermaßen das Chaos zu regeln. An diesem Tag schaffen wir es bis nach Mazamet. Wir suchen einen See, den es laut Landkarte in der näheren Umgebung geben soll. Aber die Straße führt uns nur bergauf in dunkle Wälder. Zu dunkel für unser Gemüt. Wir fahren zurück nach Mazamet und nächtigen dort mitten in der Stadt auf einem großen Parkplatz.

Es ist ein Tag des Fahrens. Das schlechte Wetter lässt uns auch keine andere Wahl. Wir passieren Toulouse und machen an einem Einkaufszentrum Halt, um unsere Vorräte aufzufüllen. Vorher füllen wir allerdings unsere Mägen im berühmt berüchtigten Flunch. Wir wollen unbedingt vermeiden, hungrig einkaufen zu gehen und dabei ein Vermögen auszugeben. Es ist gerade Mittagszeit und an den Kassen reihen sich die Schlangen. Die Auswahl an Desserts, Salaten und Hauptspeisen lässt uns das Wasser im Munde zusammen laufen. Wir brauchen etwas Zeit bis wir die Funktionsweise durchschauen. Man muss an der Kasse zuerst das Hauptgericht zahlen und kann sich dann mit dem Bon an der Theke seinen Teller abholen. Alles ist hier straff durchorganisiert. Jeder Mitarbeiter hat seine spezielle Aufgabe, vom Tellerbefüller, über den Verantwortlichen für die Beilagentheke  bis zum Tablettentsorger. Wir setzen uns direkt neben die Theke und beobachten wie reibungslos Massen von Menschen beköstigt werden. Es ist wirklich unglaublich voll hier – Kinder mit ihren Eltern, Omas und Opas, die arbeitende Bevölkerung. Alle essen sich ordentlich satt. Da gibt es gerne auch mal einen Wein zum Mittagessen und ein Dessert sowieso. Faszinierend.  Nach dem Einkauf fahren wir weiter in Richtung der Stadt Auch. Wenn man in Auch hineinfährt, wird man von einer Art riesigen Kathedrale empfangen, die sich über die gesamte Stadt erhebt. Eigentlich wäre es eine Besichtigung wert, aber uns fehlt der Elan. Kurz nach Auch entschließen wir uns einen kurzen Halt einzulegen und bei einem Spaziergang in einem jungen Eichenwald die Glieder zu lockern und unsere Gemüter auf Vordermann zu bringen. Danach rollen wir etwas entspannter weiter. Die Landschaft erinnert ein wenig an die Heimat. Die Weinberge werden durch abgeerntete braune Getreidefelder ersetzt. Kühe grasen friedlich vor sich hin. Wir schaffen es an diesem Tag bis in das kleine Dorf Le Houga, bevor die Sonne untergeht. Es ist schwer hier für uns einen guten Stellplatz zu finden. Die lange Fahrt hat uns sehr mürbe gemacht, so dass wir direkt neben der Hauptstraße mit vorbei donnernden LKWs auf dem Parkplatz der Stierkampfarena nächtigen.

26.10.10 Ankunft am Atlantik

Auszug aus Juliens Tagebuch:

„Der Morgen des heutigen Tages war kalt und klamm. Aber die Aussicht auf die Täler unterhalb der Straße war würdig, ein Schauplatz in Mittelerde zu repräsentieren. Man sah die Täler und ihre Bergspitzen am Anfang nicht, denn alles war in Schlagsahne getaucht. Ein ganzer Landstrich in Watte. Nachdem die Sonne höher stieg und einigem Nebel den Gar ausmachte, konnte man feine Linien am Horizont erkennen, Gipfel scheinbar schneebedeckt und Wellen von Bergkämmen. Und dann, eine Ewigkeit später, entstand eine richtige Landschaft aus dem morgendlichen Gespinst. Frost hatte sich am Boden ausgebreitet und sich gefreut, mit seinen gierigen Fingern die Erde zu überziehen. So kalt war es. Aber die Sonne in ihrer hier unbändigen Kraft duldet kein Weiß. Und so schmolz sie das Eis zu Wasser, um es mit unverminderter Wärme sodann in Dampf zu verwandeln, der wie einem Geist gleich, sich in der starken Sonne erheben und verschwinden muss. Doch der Nebel kam noch einmal wieder. Diesmal von Menschen gemacht, mit üblen schwefeligem Geruch und so dicht, wie in einem Edgar Wallace Film. Eine Esse, die von weithin schon sichtbar Abgas in die Luft verströmte, war Auslöser für das plötzliche nebelige Phänomen, dass einem portugiesischen Paar, welches uns kurz vorher, in Sonnenschein noch, überholt hatte, einen Auffahrunfall bescherte und ihm somit den Tag verdarb. So schnell wie er gekommen war, lichtete er sich wieder und so ging die Fahrt weiter, stetig bergab. Zum Meer. Das Meer so groß, so prächtig und noch so warm. Ein Strand kilometerweit mit feinem Sand. Ein paar junge Surfer in Neoprenanzügen. Keine Wolke am Himmel, den ganzen Tag über. Man sitzt mit Hemd in der Sonne, schaut den Wellen beim Brechen zu und lauscht dem tiefen gurgeligen Geräusch. Es ist fantastisch. So weit nur Blau. Nach mittlerweile drei Monaten Reise sind wir in der Nähe von Bayonne angekommen, knapp an der Grenze zu Spanien. Es ist so schön, die Sonne ist so warm und die Welt ist eine einzige Pracht. „

27.10. bis 30.10.10 In den Fängen des Meeres

Der Platz hier ist perfekt. Ein Stellplatz mit Toilette und Strom und 100 Metern Entfernung bis um Meer. Wir sind in Capbreton angekommen, einem kleinen Küstenstädtchen und haben etwas außerhalb unser Lager aufgeschlagen. Der Blick auf das Meer ist atemberaubend. Kilometerweiter Sandstrand. In der Ferne zeigt sich Spanien in matten pastellfarbenen Tönen. Endlos weites Meer. Wild und ungestüm schäumt und donnert es vor sich hin. Ein Wellenparadies für die Surfer, die Pinguinen gleich in ihren Neoprenanzügen auf die perfekte Welle warten.  Das Wellenspektakel nimmt uns gefangen. Riesig bauen sie sich vor uns auf, um dann in weiße Gischt zu zerbrechen. Man kann den Blick einfach nicht von Ihnen wenden. Wir verbringen die Tage mit Spazieren, Muscheln sammeln, Frisbee spielen, Sonnenuntergänge beobachten, Lesen, Schreiben und Musizieren. In den ersten Tagen steigt das Thermometer auf über 20°C und Julien nimmt ein Bad im Atlantik. Man will einfach nicht fort von hier. An einem anderen Tag wandern wir in Richtung des Städtchens. Aus der Ferne haben wir riesige Felsbrocken ausgemacht. Als wir uns ihnen nähern, erkennen wir Bunkerreste aus dem Krieg. Das Meer hat sich ihnen angenommen und sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Die Betonwände sind riesig, wenn man vor ihnen steht. Die Szenerie erinnert ein wenig an den Film „Planet der Affen“, als der Protagonist die halb mit Sand bedeckte, schiefe Freiheitsstatue am Strand findet. Die Bunkerreste wirken genau so bizarr und fehl am Platz. Wenn die Flut am Abend unerbittlich das Land zurück fordert, nimmt sie auch die Betonriesen in ihre Fänge und überspielt sie mit dem salzigen Nass. Kleine Mikrokosmen haben sich in den Einbuchtungen gebildet, in denen Krebse, Austern, Garnelen und Seeigel versuchen, separiert vom tosenden Treiben im Ozean, zu überleben. An jedem Abend versammeln sich einige Menschen auf den Sanddünen um die Sonne zu verabschieden. Ein andächtiger und magischer Moment. Wir spielen mit dem Meer und versuchen, uns nicht von den Wellen die Füße nass machen zu lassen. Wir rennen auf sie zu und reißen vor ihnen aus, wenn sie nahe daran sind, uns zu erwischen. Man fühlt sich kindisch und frei. Wir lernen Alexander kennen, einen Kanadier aus Quebec, der einige Zeit mit dem Fahrrad durch Frankreich, Spanien und Portugal reisen möchte. Während es draußen regnet, trinken wir bei Kerzenlicht Wein im Bus und erzählen von unseren Erlebnissen. So vergeht Stunde um Stunde in den Fängen des Meeres.

Auszüge aus Juliens Tagebuch:

„Es ist wie ein Leben auf erhöhtem Niveau. Man kann die Energie fast greifen. Alles scheint erhöht, verstärkt, geschärft. Es ist draußen wie im Sommer. Die salzige Meeresluft lässt einen beinah ständig hungrig sein. Die Wellen, die über den Strand hereinbrechen sind riesig groß, wenn man mit hoch gekrempelten Hosen vor Ihnen steht. Es ist wie in Hypnose. Immer wieder Welle auf Welle rollt heran, bricht in ihrer Klimax zusammen und entlädt eine Horde von schäumenden, kleinen, nur kniehohen Kämpfern an den Strand, um ihn einzunehmen. Und immer, wirklich immer wieder müssen sich die Kämpfer geschlagen geben, ihre schäumende Pracht am Strand zurücklassen und sich farblos zurückziehen. Das vollzieht sich natürlich nicht ohne das unbedingt dazugehörende Tosen von fallenden, tausenden Kubikmetern wunderbar salzigem atlantischem Wasser.“

„Der Sonnenuntergang war phänomenal. Ein gelbglühender Ball aus Licht, der scheinbar rasend in Eile sich in eine bläulich silbrige Flüssigkeit ertränken und so (aus)löschen will. Und als der Moment da ist und der Ball die schwache Linie, die man Horizont nennt, berührt, läuft tatsächlich leuchtend gelbe Masse in den Ozean hinein. Der schimmernde Strahl des Widerscheins, der sich bis jetzt nur auf dem Wasser gezeigt hat, verbindet sich in einer furiosen Hochzeit mit dem auslaufenden Stern. Nur Momente oder Augenblicke danach vollendet der Feuerball seinen Zyklus, um Stunden später eine erneute Darbietung seiner Kraft und Herrlichkeit unter Beweis zu stellen. Die Welt, die zurückbleibt, ist nur pastellfarben, Schatten von einstmals leuchtenden Farben, schwaches Blau in Violett übergehend, Rosa-Lavendel-Übergänge, Ocker, welches stetig zu Grau verlischt. Und so vollzieht es sich in ewiger Wiederholung, ohne auch nur ein einziges Mal sich zu gleichen.“

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