Marokko – Berge, Pässe, Höhen und Tiefen


25.4.2011 Ait Benhaddou

Eine kleine Ausgabe der Rasse Hund liegt unter unserem Bus. Er hat sich trotz aller Warnungen von Hannibal dazu erdreistet, dort niederzulassen. Der Bus spendet ihm kühlen Schatten an diesem heißen Tag. Es ist außerordentlich beeindruckend hier. Man kann sich der Schönheit dieses Ortes einfach nicht entziehen. Eine von der Unesco geschützte Kasbah liegt auf der anderen Seite des Flusses, umgeben von Palmen und Gärten. Dahinter weite Steinwüste, die sich über die Hänge zu den mit frisch gefallenem Schnee bedeckten Berggipfeln hochzieht. Beschreibungen, die nichts als Hüllen sind. Nicht in der Lage, das wiederzugeben, was wirklich vorhanden ist. Am Morgen fuhren wir weiter in Richtung Ouarzazate, dass Hollywood oder Babelsberg von Marokko. Alle möglichen Filme wurden hier schon gedreht…Gladiator, Das Königreich der Himmel, Babel, Star Wars, sämtliche Bibelverfilmungen. Mit seiner abwechslungsreichen Landschaft und seiner offenen Einstellung ist Marokko ein idealer Drehplatz für die Filmindustrie. Oft genug hat man das Gefühl, sich tatsächlich in einem Film zu befinden, da man die Szenerie bisher nur aus dem kleinen schwarzen Kasten kannte. Nur ist sie jetzt greifbar nah. Ouarzazate ist eine Stadt mit Geld. Man sieht es ihr sofort an. Es ist ein ruhiger sonniger Morgen. Alles erwacht gerade zum Leben. Wir halten an einem kleinen Filmmuseum und statten ihm einen Besuch ab. Requisiten aus sämtlichen Bibelverfilmungen offenbaren sich uns, ganze Räume aus Pappe und Holz. Sie wirken vollkommen echt. Man hat das Gefühl, sich tatsächlich in einem Kerker aus kaltem Stein zu befinden oder in einem Thronsaal mit marmornen Säulen. Alles nur Täuschung. Wenn man gegen die Wände klopft, enttarnt man das Schauspiel. Man bekommt tatsächlich Lust, sich selbst Geschichten auszudenken und sie hier Wirklichkeit werden zu lassen. Es ist kein besonderes Museum, aber es spielt mit unserer Fantasie und das macht Spaß. Als wir das Museum verlassen, entdecken wir einen selbsternannten Parkwächter, der fleißig die Parkenden abkassiert. Wir sehen nicht ein, jemanden zu bezahlen, der noch überhaupt nicht da war, als wir dort ankamen. Ein anderes Tourismusauto fährt einfach davon ohne den Mann zu bezahlen. Wir entschließen uns, dem Folge zu leisten. Als der Parkwächter von einem anderen Auto abgelenkt ist, rennen wir zum Bus und düsen davon. Wedelnd rennt er hinter uns her. Wir geben Gas und sind (im Film würde man jetzt quietschende Reifen hören) verschwunden. Haltet uns nicht für geizig. Aber wenn jemand Geld für das Bewachen eines Autos haben möchte, dann sollte er auch von Anfang an da sein. Die kleinen aufwallenden Schuldgefühle verdrängen wir schnell. Wir passieren die Filmstudios von Ouarzazate, denen wir ursprünglich einen Besuch abstatten wollten. Nach dem Museum und unserer Flucht entscheiden wir uns dagegen. Das waren fürs erste genug Eindrücke. Ein paar Kilometer weiter entdecken wir ein Filmset auf der anderen Straßenseite. Wohnwägen, Pferde, Menschen mit Kameras…welchen Film sie wohl dort gerade drehen? Ich wäre gern einmal Statist, nur der Erfahrung wegen. Wir fahren weiter Richtung Ait Benhaddou. Unterwegs sehen wir eine Radgruppe, die wir schon öfters auf unserer Tour überholt haben. Jedes Mal haben wir uns zugewunken. Und nun machen zwei Männer Gesten zum Anhalten. Man glaubt es kaum…es sind zwei Vogtländer aus Plauen. Die Welt wird in meinem Kopf immer kleiner. Wir tauschen kurz unsere jeweiligen Reiseinfos aus und wünschen Gute Weiterfahrt. In Ait Benhaddou angekommen, entscheiden wir uns schnell für einen der Campingplätze und begeben uns in die als Kulturerbe deklarierte Kasbah. So eine Kasbah zu schützen ist ziemlich aufwendig, denn der Stampflehm ist nicht gerade ein Baustoff für Jahrtausende. Wenn es viel regnet, saugt er sich voll und wenn er dann trocknet, bekommt er Risse, in denen wieder Wasser eindringen kann usw. …so lange bis die strukturelle Integrität gefährdet ist. Kurz gesagt, wenn man hinten fertig ist, kann man vorne wieder anfangen zu restaurieren. Und so machen sich ein dutzend Bauarbeiter gerade darüber, das Haupttor in Ordnung zu bringen. Die Liste der Filme, die diesen Ort als Schauplatz erkoren haben, liest sich wie die eines Videoverleihs: Die letzte Versuchung Christi, Kundun, Die Mumie, Gladiator, Alexander, Prince of Persia. Wir laufen eine Gasse entlang und siehe da, wieder einmal die Potsdamer, die gerade aus der Kasbah geschlendert kommen. Die Freude ist groß und verziehen uns in den Schatten, um die neuesten Neuigkeiten seit unserem letzten Treffen auszutauschen. Sie wollen weiter Richtung Marrakesch und wir sagen ‚bis bald‘, wissen aber noch nicht, dass es dieses Mal das letzte Mal sein wird. So machen wir uns auf das kulturelle Erbe zu erkunden. Es ist heiß, viele Treppen sind zu erklimmen und der Grad an Tourismus ist auch recht hoch. Überall bieten Händler ihre bunte Ware feil, unter anderem wunderschöne Bilder. Oben angekommen, ist der Ausblick überragend, weit schweift der Blick in die Wüste, die eher Ähnlichkeit mit einer Mondlandschaft hat. Ein Händler will aus Spaß Hannibal gegen etwas von ihm eintauschen, was wir aber lächelnd verneinen. Oder vielleicht ist es ihm doch ernst? Wenn der wüsste, dass Hannibal trotz gelegentlichem Hinken und Humpeln unbezahlbar ist!

26.4.2011 – Tizi n`Tichka Pass

Es ist ein Fahrtag. Wir wollen den Tizi n‘ Tichka Pass im Atlas Richtung Marrakesch überqueren. Es ist eine Fahrt, die sich unweigerlich in unser Gedächtnis einbrennt. Majestätisch ist das einzige Wort, welches nur annähernd das Bild des Bergmassivs beschreiben kann. Schneebedeckt die Gipfel, grau die Felsen, grün die Täler, rot die Hänge. Windende Straßen, die durch kleine Bergdörfer führen. Frauen, die im Fluss ihre Wäsche waschen. Straßenhändler, die ihre rot leuchtenden Bergkristalle an den Mann bringen wollen. Sie winken ganz aufgeregt, wenn sich unser Bus nähert.Wir schütteln dann immer die Köpfe, meistens gefolgt von einem bedauernd lächelnden Verkäufer. Wo sie diese glitzernden Steine wohl gefunden haben? Sie sehen wunderschön aus, wie Schätze, Gemmen tief aus dem Inneren der Berge. Wir schrauben uns bis zu einer Höhe von 2000 Metern hinauf. Der Blick nach unten und in die Ferne reicht weit. Berauschend schnell und kurvig geht es dann wieder bergab. Hier werden die Fahrkünste von Julien wieder einmal gefordert. Er meistert es bravourös. Trotzdem zieht sich die Fahrt lange hin und wir gelangen erschöpft zum exklusivsten Campingplatz Marokkos. 230 DH inkl. eine Stunde Wifi, zwei Kaffee und Poolbenutzung. Die spinnen die holländischen Inhaber. Einzig der Durst nach Ruhe verführt uns zu dieser immensen Ausgabe. Ein Luxus, den wir uns nur einmal leisten. Die Anlage erinnert an einen teuren Club. Alles vom Feinsten. Selbst auf der Toilette ertönt beruhigende Musik und die sonnenbadenden Poolgäste bekommen zur Abkühlung feuchte Tücher. Das ist zu viel für uns. Wir ziehen uns in den Bus und seine Einfachheit zurück.

27.4.2011 – Marrakesch, Campingplatz, Tisch am Pool (Juliens Bericht)

Wow, das ist also Marrakesch. Grell, bunt, laut, eng, stickig, heiß, windig und voller Menschen. Der Souk und die Medina gleichen denen in Tetouan, nur sind sie nicht ganz so dreckig. Die Marokkaner nicht so aufdringlich sich als Führer anbietend. Aber alles wirkt zu großen Teilen inszeniert. Kein Wunder bei den Heerscharen von Touristen, die die Stadt heimsuchen wie die biblische Heuschreckenplage. Wir lassen uns treiben, über den großen bekannten Djemaa el fna, der zentrale Marktplatz Marrakeschs, der sich am Abend laut Reiseführer in wildes Treiben verwandelt, voll mit Essensbuden, Gauklern und Musikern. Jetzt sind hier nur wenige Buden, die getrocknete Früchte feilbieten und ein paar Frauen hocken auf ihren Schemeln und bemalen die Hände ihrer Kundinnen mit Henna. Die Unesco hat für diesen Ort eine eigene Kategorie geschaffen – „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“. Wir treiben weiter durch die weitverzweigten, zum Teil überdachten Souks. Vollgestopfte, bunte Läden – überfüllt mit Waren jeglicher Art. Das Auge schafft es kaum, einzelne Gegenstände daraus zu filtrieren und näher zu betrachten. Der Gesamteindruck überfordert das Gehirn. Wir verlieren uns in den Straßen Marrakeschs. Folgen ihnen mit unserem verführten Orientierungssinn. Straßen werden zu Gassen und manchmal auch zu Sackgassen. Keine Touristen mehr um uns herum. Wir kommen vorbei an den verschiedenen Handwerken. Holzbearbeitung – schöne Möbelstücke werden hier noch eigenhändig erschaffen. Man kann den Tischlern dabei zusehen. Es riecht nach gesägtem Holz. Erinnert an früher. Wir laufen und es ist heiß. Kinder wollen uns gegen etwas Geld den Weg weisen. Da ist es wieder, das Misstrauen. Mit Hilfe eines Polizisten, der uns die Richtung weißt, finden wir unseren Parkplatz wieder. Die Stadt mit ihren Geräuschen und Gerüchen hat uns überfordert und uns Kopfschmerzen verschafft. Der Stresspegel ist einfach zu hoch. Es ist traurig, aber der einzige Grund, noch länger inmitten der Stadt zu verweilen, wäre in den riesigen Gärten umher zu schlendern, Tee zu trinken und umher zuschauen. Aber der Hund darf leider nicht mit hinein. So bleibt der stärkste Eindruck von dem kleinen Cafe Montreal aus die Leute zu beobachten, die Einheimischen, die Touristen, die Zigarettenverkäufer, die unablässig mit ihrem Kleingeld klimpern (quasi als Erkennungsmelodie), die Schuhputzer und Hutverkäufer, die bettelnden Alten und Frauen mit ihren Kindern. Eines ist allerdings sehr gut gelaufen – niemand hat von mir Geld bekommen, für etwas, das ich nicht wollte. Scheinbar haben wir doch ein wenig dazu gelernt. Der Verkehr in Marrakesch ist die Hölle. Aber Höllen sind dazu da, durchwandert zu werden, wie einst Dante mit seinem Vergil in der Komödie. Es ist auch nicht möglich diese Flut von Informationen in Echtzeit angemessen zu verarbeiten. So schützt sich das Gehirn mit Hilfe eines Tunnelblicks und lässt die Informationen in der Peripherie einfach verschwimmen. Eigentlich wollte ich Obst, Gemüse, Eier und marokkanisches Backwerk erwerben, aber letztlich glaube ich, dass alles in Marrakesch überteuert ist und so warte ich auf die nächste Gelegenheit. Das Hähnchen mit Reis, Salat und Brot von heute war allerdings gigantisch. Das erste wahre Fleisch seit zwei Wochen. Wir suchen uns einen anderen Campingplatz außerhalb von Marrakesch, weniger luxuriös, günstiger und angenehmer. Ein Ort zum Durchatmen.

28.4.2011 Hoher Atlas (Juliens Bericht)

Wir erwachen auf dem Campingplatz Relais de Marrakesch und machen uns frühzeitig auf den Weg in die Berge. Genug der Stadt. Die Natur ruft. Die Fahrt führt uns allerdings zuvor wieder durch die Stadt und ihren Höllenverkehr. Ein weiterer Reifen entpuppt sich bei der Überprüfung des Reifendrucks als durchlöchert. Zum Glück gibt es neben jeder Tankstelle einen Reifenspezialisten. Diesmal verläuft die Reparatur noch schneller auf Grund eines Spezialklebers und einer Art Dichtungspfropfen. In weniger als 10 Minuten sind wir wieder fahrbereit. Absolut dicht. Der Reparateur gibt lebenslange Garantie darauf. Wir fahren weiter nach Asni, ein kleiner Ort, von dem aus der Weg in Richtung Toubkal abzweigt. Der Toubkal ist mit 4000 Metern der höchste Berg des Hohen Atlas und Nordafrikas. Wir halten kurz, um uns mit Gemüse, Obst und Brot einzudecken. Kaum das wir stehen, sind schon wieder die ersten Männer an unserem Busfenster und wollen Touren und Karten zum Toubkal verkaufen. Für eine billige Farbkopie will der Gute 120 DH (ca. 11 €). Wir halten uns an den Ratschlag von Nao und lehnen freundlich ab. Es wirkt. In einem Straßencafé genehmigen wir uns einen Tee mit einem leckeren Stück Kuchen dazu. Es folgt die Fahrt nach Imlil. Gleich am Ortseingang warten Guides und Packesel auf die wanderwütigen Touristen. Es ist ein kleiner Ort. Eine enge Straße führt zwischen Läden und Pensionen bergan. Dahinter erheben sich die hohen schneebedeckten Berge. Kaum zu glauben, dass wir hier wirklich entlang fahren. Mangels eines geeigneten Stellplatzes folgen wir weiter der Straße (Umkehren ausgeschlossen), halten aber verunsichert an, da der Weg immer enger und steiler wird. Etwas weiter oben soll es einen Campingplatz geben. Susi steigt aus und läuft die Strecke ab, um die Lage auszuchecken. Die Einfahrt ist nur für kleinere Fahrzeuge geeignet. Laut Reiseführer soll es noch in Arumd einen kleinen Platz geben, allerdings ist der Weg nur für geländegängige Fahrzeuge geeignet. Unschlüssig, was wir nun tun sollen, stehen wir herum. Ein Guide, der gerade seine Wandersleute zurückbringt, versichert uns aber, dass es in Arumd diesen Stellplatz gibt und das man mit unserem Bus die Strecke ohne weiteres fahren kann. Also wagen wir es. Mir fehlen die Worte es genau zu beschreiben, aber ich glaube, eine Überdosis an ausgeschüttetem Adrenalin ist Beschreibung genug. Eine Fahrt wie auf dem Rand einer Konservendose wäre ein passender Vergleich. Keine Ausweichmöglichkeit. Zum Glück kommt uns niemand entgegen. Das Herz schlägt bis zum Hals. Es ist eine Fahrt ins Ungewisse, neben uns der steile Abhang. Wie weit geht die Strecke noch? Ist sie für uns bis zum Ende passierbar? Was machen wir, wenn wir umdrehen müssen oder uns jemand entgegen kommt? Wir vertrauen darauf, dass alles gut gehen wird. Nach Bangen und Zittern erreichen wir wieder ein paar Häuser. Wir entdecken ein Schild mit der Aufschrift „Camping“. Ein Mann öffnet uns das Tor und mit viel Kurbelei beziehen wir Stellung auf dem 7×7 Meter großen Platz. Wir sind nicht allein. Es gibt noch ein Zelt. Deren Inhaber ist ein nettes Paar aus Manchester, die mit ihren Fahrrädern unterwegs sind. Ruhigeren Herzschlages unternehmen wir eine erste Wanderung. Das Tal wird von einem steinigen Flussbett durchzogen. An einer schmalen Stelle kann man ihn auf größeren Steinen überqueren. Auf der anderen Seite des Flusses schmiegt sich Arumd an den Berg. Ein Dorf inmitten der wilden Bergwelt. Wunderschön anzusehen. Wir folgen dem ausgetretenem Pfad. Immer wieder kommen uns bepackte Esel, deren Führer und Touristen entgegen. Die Landschaft ist atemberaubend. Faszination Bergwelt. Zurück an unserem Campingplatz bestellen wir uns eine waschechte Tajine – Zubereitungszeit 1 ½ Stunden. Hungrig warten wir auf das Kochergebnis. Gegen 19.30 Uhr ist es dann endlich soweit. In einem kleinem Raum mit Steinbänken erhalten wir unser köstliches, heiß dampfendes Mahl, dazu einen zuckersüßen Tee. Lecker. Draußen ist es mittlerweile empfindlich kalt geworden. So laden wir am Abend das Paar aus Manchester zu uns in den Bus ein. Es gibt Tee, Datteln und interessante Gespräche. Das Ende eines guten, extrem adrenalinreichen Tages.

29.4.2011 Arumd – am Fuß des Toubkal (Juliens Bericht)

Es ist ein seltsamer Morgen. Susis Mutter holt mich um 5.30 Uhr mit einer SMS aus dem Reich der Träume. Eine Explosion in einem belebten Cafe am Djemma el Fna in Marrakesch tötete am gestrigen Tag 14 Menschen, Touristen und auch Einheimische. Mein tiefstes Mitgefühl. 24 Stunden zuvor befanden wir uns auf demselben Platz. Wie macht man weiter? Fährt man sofort zurück, verlässt dieses so schöne, abwechslungsreiche Land aus Angst? Lässt man sich den Willen von ein paar Unterdrückern aufzwingen? Wir haben uns dagegen entschieden, denn eine Flucht wäre genau das, was sie erreichen wollen. Wir bleiben. Es gibt keine 100%ige Sicherheit und die wollen wir auch gar nicht. Das Leben ist ein einziges Risiko und endet definitiv mit dem Tod. Trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl zurück. Es ist die Nähe solcher Geschehnisse. Laufen reinigt den Geist, also machen wir uns erneut auf den Pfad in Richtung Toubkal. Das Wetter verschlechtert sich zusehends. Während Eselabteilungen das Gepäck für die Bergsteiger zum Basiscamp auf 3000 Meter hinauf schaffen, fällt Regen, der sich weiter oben in Schnee, Graupel und Hagel verwandelt. Das herrliche Panorama versteckt sich hinter Wolken. Eingehüllt von weißen kaltem Dampf laufen wir weiter. Vorbei an den Imbiss- und Souvenirbuden und am Heiligtum der Muslime, wo Djinnbesessene zur Befreiung bzw. Heilung aufgenommen werden. Es ist der erste und einzige Schnee, den ich seit langem zu Gesicht bekomme. Ein guter Grund für eine kleine Schneeballschlacht. Dann für einen kurzen Moment, als hätte jemand unsere leisen Wünsche vernommen, lichtet sich die Wolkendecke und im strahlensten Weiß erstrahlt der Gipfel des Toubkal, schneebedeckt, majestätisch. Doch schnell wandern die Wolken und ziehen sich zu einer geschlossenen Decke wieder zusammen. Deswegen und wegen des Alters von Hannibal ist für uns bei 2500 Metern Schluss. Doch die Bilder, die entstehen wenn Wolken sich in die Felsklamm schmiegen, Krähen durch Nebel schneiden, Wasser unsichtbar rauschend im Tal von seiner Existenz kündet, waren alle Strapazen wert. Wir kehren um. Durchgefroren und durchnässt erreichen wir den Schutz unseres Busses.

 

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Marokko – wenn Wege sich kreuzen


22.4.2011 Todraschlucht (Juliens Bericht)

Wir stehen auf dem Campingplatz Atlas. Er liegt in einer Schlucht mit hoch hinauf schießenden Felsen, die tiefocker in der Sonne glühen, während unten im Tal der Wind die vielen grünen Palmen schaukelt, scheinbar um sie in den Schlaf zu wiegen. Es war ein exorbitanter Tag. So viele Eindrücke sind auf mich niedergeprasselt, dass ich immer noch mit deren Verarbeitung überfordert bin. Die Sanddünen gleichen einem Traum. Zwanghaft versucht mein Verstand Verbindungen zur Wirklichkeit herzustellen, aber er scheitert kläglich an der Tatsache, dass ich so etwas einfach noch nicht in Echt gesehen habe. Alles ist so minimiert, alles ist nur noch zweifarbig – Sand und Himmel, ocker und blau. Man stapft wie in Pulverschnee die Düne hinauf. Oben weht der Wind den Sand in die Augen und in alle Poren der unbedeckten Haut. Es knirscht zwischen den Zähnen und das Gesicht bekommt ein sanftes Peeling. Am Abend zuvor haben wir eine kleine Wanderung zu den Sanddünen unternommen und dabei eine sehr nette Potsdamer Familie kennengelernt. Wir haben erzählt – von Marokko, unseren Erfahrungen und Eindrücken und auch von Potsdam, unserem ehemaligen zu Hause. Eine große Welt ganz klein. Jahrelang lebt man in derselben Stadt und lernt sich dann tausende Kilometer entfernt kennen. Das Gespinst des Schicksals ist nicht leicht zu entwirren. Die Familie wohnte in derselben Auberge, auf deren Gelände wir unseren Stellplatz bezogen haben. So haben wir am Abend den Tisch geteilt und gemeinsam Tajine gegessen, marokkanischen Wein getrunken und unsere Unterhaltung fortgesetzt. Maja, die 6jährige Tochter hat uns (wohl auch wegen ihrer Liebe auf den ersten Blick zu Hannibal) zu einem gemeinschaftlichen Ausflug zur Sanddüne für den nächsten Tag eingeladen. Eine Ehre und Freude für uns. Also trafen wir uns am nächsten Morgen um 7.30 Uhr und stapften dünauf und dünab, begleitet vom Auberge Hund Rocky. Keine Worte können diesen Ausflug beschreiben. Weicher, warmer Sand ohne sichtbares Ende. In Wellen ergießt er sich über die Erde wie das Meer über die Welt, während der Wind mit ihm spielt und die verschiedensten Muster hinein zeichnet. In der Ferne eine Kamelkarawane. Ein kleiner schwarzer Käfer kämpft sich durch den Sand und hinterlässt mit seinen Beinchen lustige Muster. Die aufgehende, an Kraft gewinnende Sonne wirft Schatten an den Sandbergen. Bilder wie aus wundervollen Fotobänden. Aber sie sind wirklich. Wir sind wahrhaftig hier. Das Hinaufsteigen auf die Sandberge ist unheimlich anstrengend. Das Hinabrutschen dafür umso leichter. Man kann große Sprünge wagen, da man sowieso weich landet. Man versucht diese Momente tief in sich aufzusaugen, abzuspeichern, damit man sie jederzeit wie von einer Festplatte wieder abrufen kann. Aber das ist nicht möglich. Der einzig wahre Moment ist Jetzt und Hier. Alles andere bleibt Erinnerung – lediglich ein Abbild oder ein Gefühl. Nicht greifbar. Zu schnell ist unser Ausflug vorbei. Zurück in unserer Auberge sind wir k.o. Wir wollen trotzdem weiter. Schöner kann es nicht mehr werden. So verabschieden wir uns und machen uns glücklich auf die Weiterfahrt. Es ist eine lange und schwere Fahrt mit hunderten Eindrücken, Ausblicken und Ansichten gefüllt – ein aufdringlicher Bettler, 10 DH teurer Kaffee und das vor zwei Tagen für hart erkämpfte 60 DH teure Tuch liegt zu Hauf für exakt denselben Preis an der Tankstelle herum. Alles Halsabschneider. Die Stimmung sinkt mit der Anzahl der gefahrenen Kilometer. Als wir jedoch in die Todra Schlucht hineinfahren, vergessen wir unseren während der langen Fahrt aufgekommenen Groll. Wieder eröffnet sich vor uns ein grünes Palmental. An den Hängen der Felsen liegen die Häuser und verfallene Kasbahs. Wie kann etwas nur so schön sein? Wir finden den idyllischen Campingplatz Atlas direkt am Fluss und bei der Einfahrt winkt uns die Potsdamer Familie zu. Eine ganz kleine Welt. Die Freude ist groß, weil wir sie in der kurzen Zeit schon in unser Herz geschlossen haben. Wir hören neue Geschichten von aufdringlichen Führern und sogar Steinewerfern, lassen uns aber nicht einschüchtern und unternehmen eine kleine Wanderung entlang des Flusses und der Felsen. Ein seltsames Gefühl bleibt. Man wird misstrauisch, obwohl man das gar nicht möchte. Auf dem Rückweg werfen wir einen Blick auf die alte Kasbah. Alte Lehmmauern, die drohen, jede Minute umzustürzen. Das hier Menschen gelebt haben, ist für uns kaum nachvollziehbar. Wir, die wir doch festes Mauerwerk, fließend Wasser, Elektrizität und allen anderen Komfort gewöhnt sind. Von hier aus haben wir einen guten Blick in das von Palmen durchzogene Tal. Wenn Worte doch nur das wiedergeben könnten, was die Augen sehen. Als wir auf den Campingplatz zurück kommen, haben wir ein großes schwarzes marokkanisches Wohnmobil mit der Aufschrift Lazywall als Nachbarn. Unser erster Tipp….das ist eine Rockband. Den Abend verbringen wir mit den Potsdamern. Susi holt die Jongliersachen aus den Ecken des Busses und die Kinder versuchen sich im Schleudern von Bällen und Balancieren eines Stockes. Später lernen wir Mo aus München kennen. Wieder hören wir Geschichten von aufdringlichen Marokkanern und Jugendlichen, die so tun als ob sie bewaffnet wären. Wir spülen sie mit einem Glas Sekt hinunter. Was dieses Land an Landschaft, Atmosphäre und Seele hat, scheint durch ihre aufdringlichen, teilweise zu weit gehenden Menschen wieder wett gemacht zu werden.

23.4.2011 Todra Schlucht

Der Tag beginnt bewölkt. Wir wachen früh auf. Es ist erstaunlich kühl. Da ist es wieder – das kalte Land unter heißer Sonne. Während die Potsdamer mit dem Auto die Schlucht erkunden wollen, unternehmen wir eine zweite Wanderung zur Kasbah. Wir sind immer noch leicht verunsichert wegen den Geschichten, kommen aber wohlbehalten wieder am Campingplatz an. Julien kommt mit unseren Nachbarn ins Gespräch. Lazywall ist tatsächlich eine Rockband. Sie sind gerade in ihrem eigenen Land unterwegs, um es besser kennenzulernen und neu inspiriert zu werden. Mo und Sonja gesellen sich zu uns, um sich zu verabschieden. Ende des Gesprächs sind zwei verkaufte CDs à 30 DH (weniger als 3 €) und eine gemeinsame Wanderung durch die Schlucht. In einem Pulk von 8 Leuten machen wir uns auf den Weg. Seltsam welches Gefühl von Geborgenheit eine große Gruppe verleiht, vor allem wenn die Hälfte davon noch marokkanisch spricht. Kurze Zeit später gesellt sich ein Führer zu uns, bespricht sich mit den Jungs der Band und geleitet uns dann durch das Wirrwar von Pfaden und Wegen entlang des Flusses, vorbei an Mandelbäumen und frischer Minze, durch stockdunkle Unterführungen, die unter dem halben Dorf verlaufen und mit Türen aus Blechdosen versehen sind, über Getreidefelder hinweg, vorbei an Brückenkonstruktionen, die wenig vertrauenerweckend aussehen, aber noch lange halten werden. Ab und zu möchte er uns in die Häuser führen, in der Hoffnung auf ein Geschäft mit uns zahlenden Gästen. Lazywall klären auf marokkanisch, dass sie nur an der Führung zur Schlucht interessiert sind. Es ist ein langer Marsch voller interessanter Gespräche über Marokko, deren Menschen und das Leben. Es hilft enorm den Horizont zu erweitern und eine verbesserte Sicht auf das Land und die Leute zu bekommen. Vieles wirkt auf einmal nicht mehr so dramatisch und steht nun in einen ganz anderen Licht da. Nao, der Sänger, gibt Julien den entscheidenden Tipp für unsere weitere Reise: „Werde zum Marokkaner. Esse dort, wo die Marokkaner essen, kaufe dort ein, wo sie einkaufen und bleibe immer ruhig, geduldig und freundlich. Wenn Du etwas nicht willst, sagst Du einfach freundlich ‚Nein danke.’“ Wir nehmen uns seinen Ratschlag zu Herzen. Und ganz plötzlich nach all den Gesprächen und gelaufenen Kilometern tauchen sie auf. Links und rechts von uns ragen über 300 m hohe Felsen in den Himmel. Sie kommen bis auf einen Steinwurf heran, das Tal verengt sich und es wird sofort dunkler und kühler. Aus einer Quelle sprudelt frisches Wasser, Menschen laufen umher und eine kleine Versammlung einer Organisation, die sich für mehr Schulbildung einsetzt, macht singend und in die Hände klatschend auf sich aufmerksam. Ein paar obligatorische Souvenirhändler sind da. Und typisch marokkanisch, eine Straße führt mitten durch die Schlucht, so dass die Busse direkt in der Attraktion halten können und keiner der Touristen auch nur einen Schritt zu viel tun muss. Nach 12 km Wanderung sind wir wieder zurück, völlig ausgezehrt und ausgestattet mit einem riesigem Loch in der Magengegend. Wir laden die beiden Münchnern Mo und Sonja zum Essen in unseren Bus ein (beide hatten nicht einmal gefrühstückt) und erzählen noch eine Weile. Draußen ist es nun richtig kalt und regnerisch. Während ich am Abend mit den Potsdamer Eltern Ostereier im Bus färbe, werden Julien und Mo in den Caravan von Lazywall eingeladen. Musik schallt durch die Dunkelheit als die Gitarre ausgepackt und gesungen wird. Eine wunderbare Jamsession, die leise an mein Ohr dringt, während ich in meinem Bett dahin schlummere. Julien genießt den Abend sehr. Musik zu machen hat ihm gefehlt und die Leute von Lazywall sind richtig gute Musiker, können sehr gut spielen und haben ein gutes Empfinden für die Musik. Es macht ihm riesigen Spaß mit ihnen zu singen und die alten Melodien erklingen zu lassen. Man sieht es ihm an als er spät in der Nacht freudestrahlend zurückkehrt. Sie haben viel Stress und Anspannung von uns genommen. Vielen Dank dafür.

24.4.2011 Skoura

Die Kälte des gestrigen Tages hat sich verflüchtigt. Einem Ostersonntag würdig zeigt sich die Sonne und erwärmt die Erde. Wir erwachen früh, denn Maja und Jesse, die beiden Kinder der Potsdamer Familie sind begierig auf das Ostereier suchen. Draußen höre ich schon ihre Mam, wie sie die Eier und kleinen Geschenke zwischen den Palmen und unter den Tajinedekorationen versteckt. Schnell schälen wir uns aus den Betten und bereiten uns eine heiße Tasse Tee. Nicht schnell genug, denn draußen höre ich schon die Kinderstimmen. Es erinnert an die eigene Kindheit und die Spannung, die wir selbst beim Eiersuchen empfunden haben. Maja glaubt an den Osterhasen. Ich wünschte, er würde für mich auch noch existieren. Er ist das Symbol von Unbekümmert- und Sorglosigkeit. Mit ihm gibt es noch Wunder in dieser Welt, die im Reich der Erwachsenen undenkbar scheinen. Die Kindheit ist eine Art Paradies, ein Ort an dem die Zeit einem nicht im Nacken sitzt (sofern man in einem behüteten Elternhaus aufwächst). Maja hat für uns ein Bild gemalt. Sie selbst steht darauf mit ausgebreiteten Armen da, neben ihr eine lila Blume und Hannibal. Und sie lächelt als würde sie uns gleich umarmen wollen. Ein schönes Bild, dass jetzt an unseren kleinen Pinnwand hängt und mir jedes mal, wenn ich es ansehe ein Lächeln entlockt. Aufgeregt umkreisen die beiden Kinder die Palmeninsel. Hier ein Ei und dort ein kleines Geschenk…..warm, heiß, heißer, kälter…juhu da ist es. Schnell füllt sich der Beutel und nach kurzer Zeit ist das Spektakel vorüber. Bis auf ein Ei, welches unauffindbar im Gewirr der Palmen verschollen ist, sind alle Gaben des Osterhasen entdeckt. Maja schenkt uns jedem ein Ei, dass wir genüsslich zum Frühstück verspeisen. Kurz darauf verabschieden sich die Postdamer und brechen zu ihrem nächsten Ziel auf. Auch wir machen uns abreise fertig. Mo und Sonja fahren weiter Richtung Sanddüne Erg Chebbie und Lazywall Richtung Ait Benhaddou. So trennen sich die Lebenswege, die sich für einen kurzen Moment in Zeit und Raum gekreuzt und uns ein paar schöne Stunden beschert haben. Wir verabschieden uns von allen und setzen die Fahrt Richtung Dades Schlucht fort. Sie ist die Parallelschlucht zur Todra Schlucht, sieht aber ganz anders aus. Bizarre Felsformationen einer Ziehharmonika gleich tauchen auf. Man fragt sich, wie diese wohl entstanden sind. Die Künstlerin Erde überrascht uns doch immer wieder aufs Neue. Wir durchfahren kleine Dörfer mit schönen Lehmkasbahs und von einem kleinen Straßencafé aus winken uns zum zweiten Mal die Potsdamer zu. Wir halten, gesellen uns zu ihnen und bestellen eine Kanne marokkanischen Tee. Die Sonne scheint, während das zuckersüße Gebräu unsere Hälse hinab rinnt. Urlaubsgefühle kommen auf. Es sind die kleinen Momente des Innenhaltens und sich Bewusstwerdens, dass man das Glück hat, genau jetzt hier sein zu dürfen. Wir können uns wirklich glücklich schätzen, all das erleben und all diese netten Menschen kennenlernen zu dürfen. Wir schreiben unsere Lebensgeschichte in jeder Minute, in der wir atmen und es macht uns froh, unsere Geschichte durch diese Reise ein wenig Würze zu verleihen. Und wieder trennen sich unsere Wege. Wir folgen noch ein wenig der Straße durch die Schlucht, entschließen uns dann aber wieder zurück und weiter entlang der „Straße der tausend Kasbahs“ zu fahren. Es sind nicht tausende, aber doch einige der beeindruckenden Lehmbauten, die sich wie eine Allee entlang der Straße ziehen. Es wird eine lange Fahrt und als wir in Skoura ankommen, liegen unsere Nerven schon wieder blank. Der Campingplatz ist groß, liegt aber verwaist da. Nur wir und ein anderes Wohnmobil auf diesem riesigen Platz. Man fühlt sich sogleich verloren. Aber Fotos an den Wänden der Rezeption bezeugen, dass hier auch andere Zeiten herrschen und sich Wohnmobil an Wohnmobil reiht. Es ist der billigste Platz seit Beginn unserer Marokko Reise…nur 30 DH. Ein Schnäppchen. Nach dem langen Sitzen wollen wir noch ein wenig unsere Füße vertreten und schlendern über die staubig lehmige Erde zur anderen Seite eines fast ausgetrockneten Flusses. Hier gibt es keine asphaltierte Straße, sondern nur Markierungen im trockenen Flussbett, die den befahrbaren Teil markieren. Möchte man zur Wohnsiedlung muss man mit seinem Auto durch eine kleine Furt. Abenteuerlich. Skoura ist bekannt für seine wunderschöne Kasbah, die selbst auf einem Geldschein abgedruckt ist. Kleine Verzierungen schmücken das gigantische Gebäude. Als wir gerade den Fluss wieder überqueren wollen, pfeift und ruft es hinter uns. Es ist unsere Potsdamer Familie, die sich in der Lehmsiedlung zwei Zimmer gesucht hat und nun ebenfalls auf Erkundungstour ist. Kurz vorher haben sie sich durch die berühmte Kasbah führen lassen. Gemeinsam schlendern wir durch die Gassen der Lehmhäuser und bewundern diese völlig andere Architektur. Sie führen uns zu ihrer Herberge und zeigen uns ihre Zimmer. Welche Gemütlichkeit doch Lehm ausstrahlt. Es ist eine angenehme, warmherzige Herberge. Von der Terrasse hat man einen wunderschönen Blick über die Siedlung und die Landschaft. Weit hinten leuchten die weißen Berge des Atlas. Der Schnee wirkt wie Puderzucker auf einem Kuchen. Die Wolken vervollkommnen das ganze Szenario, in dem sie die Berge wie Schlagsahne bedecken. Die frische Bergluft weht zu uns herüber und streift unsere Wangen. Der Wirt spendiert uns vorzügliche Datteln, Mandeln und Tee und beschenkt uns Frauen und Kinder mit eigens gepflückten Rosen aus seinem Garten. Man fühlt sich sofort willkommen.Man möchte verweilen und Stunden lang auf die Berge schauen, während man genüsslich seinen Tee schlürft. Doch die Sonne senkt sich hinab und nimmt die Wärme des Tages mit sich, so dass wir uns abermals voneinander verabschieden und zu unserem Campingplatz zurückkehren. Diesmal zweifeln wir nicht daran, dass wir uns auch morgen irgendwo wiedertreffen. Sollten wir das nächste Mal hier in Skoura zu Besuch sein, werden wir in dieser wunderschönen Herberge übernachten. Das nehmen wir uns fest vor. Der nächtliche Himmel ist übersät mit Myriaden von weiß strahlenden Punkten – Löcher in der schwarzen Decke des Himmels. Die schönsten Sterne, die wir je gesehen haben.

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Die verschiedenen Gesichter Marokkos


18.4.2011 Campingplatz zwischen Ifrane und Azrou

Franzosen sind meist Frühaufsteher und vor uns am Start, obwohl wir immer gegen 7 Uhr aufstehen. Das ist die Zeit, wenn es hell genug ist und die Sonne langsam ihre erste Wirkung zeigt. Das Frühstücken und abreisefertig machen dauert ungefähr eine halbe Stunde. Diesmal verteilen die Campingplatzbetreiber als Morgenüberraschung den typischen marokkanischen Pfefferminztee – zuckersüß. Wir fahren zurück nach Moulay Idriss. Ein malerischer Ort, der am Hang des Zerhoun-Massivs liegt wie eine Kuppel aus Häusern. Es ist der heiligste Ort in Marokko, denn Moulay Idriss I (Nachfahre des Propheten Mohammed und Namensgeber der Stadt) liegt hier begraben. Er floh damals aus Mekka, bekehrte die Berber in Volubilis und begründete das erste muslimische Königreich. Dies brachte ihm den Titel „Vater Marokkos“ ein. Jedes Jahr versammeln sich hier Pilger aus ganz Marokko zum größten Moussem des Landes. Moussems werden zum Geburtstag der Heiligen veranstaltet und sind eine Art Volksfest, bei denen mehrere Tage lang gebetet und gefeiert wird. Es wird gesagt, dass fünf Pilgerreisen zu diesem Schrein einer Pilgerreise nach Mekka entsprechen. Dies Grab ist allerdings für Nicht-Muslime nicht zugänglich. Laut Reiseführer dürfen Nicht-Muslime auch erst seit kurzem hier übernachten. Wir fahren mitten hinein in das Getümmel aus Bussen, Eselkarren und Menschen. Ein Platzanweiser weist uns einen Parkplatz beim Taxistand zu und wirft gegen ein kleines Trinkgeld ein Auge auf den Bus. Hannibal übernimmt die Wache von innen. Vor uns wird auf einem kleinen Platz Obst und Gemüse verkauft. Wir decken uns für 3,30 € mit allerlei davon ein. Der Verkäufer legt das gesamte Gemüse auf seine Waage und ermittelt irgendwie einen Gesamtpreis. Man bekommt hier so ziemlich alles – Bananen, Orangen, Äpfel, Gurken, Tomaten, Spitzpaprika, Zwiebeln, Zucchini, Auberginen. In Säcken entdecken wir Couscous, Reis, Mehl und noch unendlich mehr. Wir besorgen uns noch ein bisschen Brot und verlassen dann das Getümmel. Die Fahrt geht weiter Richtung Meknes. Vom kleinen Berg hatte man gestern einen guten Blick auf die langgezogene Stadt. König Moulay Ismail erhob diese Stadt zu seiner Hauptstadt, deshalb Königsstadt. Mittlerweile müsste jedem aufgefallen sein, dass wir Großstädte mit Vorliebe meiden. Zuviel Stress für uns, Hund und Bus. Gewiss verpassen wir dabei einige besondere Sehenswürdigkeiten, aber uns ist es lieber, die Naturreichtümer zu bestaunen. Wir befahren Meknes also nur peripher. Sie hat große Ähnlichkeit zu westeuropäischen Großstädten – große Straßen, große Gebäude, viele Autos, viele Menschen. Alles ist in einem relativ guten Zustand und viel wird neu erbaut. Hinter Meknes wirkt die Welt auch viel europäischer, viel reicher. Es liegt wohl daran, dass die Häuser in einem besseren Zustand sind als weiter nördlich. Der Weg führt uns in den mittleren Atlas. Das Flachland erhebt sich wieder zu Bergen. Felder und Weiden verwandeln sich in Wälder. Kurz vor El-Hajib fahren wir an eine Tankstelle, um den Reifendruck prüfen zu lassen. Der junge Mann macht sich sogleich an die Arbeit und entdeckt ein Loch im hinteren inneren rechten Reifen. Haben wir nicht bemerkt, da wir Zwillingsbereifung haben und der Zwilling bei der Schlappe seines Bruders die ganze Last mit übernimmt. Irgendwo hat ein Nagel ein Loch in den Reifen gebohrt. Glücklicherweise kann der junge Mann uns das Loch schließen. Es dauert ungefähr eine halbe Stunde und kostet 35 DH (weniger als 3,50 €). In Deutschland hätte uns das das Zehnfache gekostet. Der mittlere Atlas hat Ähnlichkeit mit einem deutschen Mittelgebirge. Würde man hier einfach ausgesetzt werden, ohne zu wissen wo man sich befindet, würde man niemals auf Marokko tippen. Zwischen Azrou und Ifrane steuern wir einen Campingplatz an. Wir stehen unter Kirschbäumen, deren Früchte aber erst in einigen Wochen reif sein werden. Hinter uns säuselt ein Bach leise seine stetige Melodie. Ein Hund – nein, die Hunde bellen. Am Nachmittag unternehmen wir eine Wanderung in der Umgebung. Durch das kleine angrenzende Dorf, vorbei an zwei kleinen kioskartigen Läden, bellenden Hunden und über eine Brücke folgen wir einem Pfad, der uns in die Wälder führt. Um uns herum sind kleine ärmliche Gehöfte. Viel haben die Menschen hier nicht zum Leben. Der Wald empfängt uns mit seinem kühlen Schatten. Unterhalb des Weges fließt ein Fluß und ergießt sich in kleinen Wasserfällen zwischen den Höhenunterschieden. Wir klettern hinunter und folgen stromaufwärts seinem Lauf. Grüne schillernde Eidechsen kreuzen unseren Weg und grüßende Marokkanerinnen lächeln uns zu. Quellen speisen den Fluss und schmecken nach Frische und Kühle. Ein sehr stimmiger Ort mit seiner natürlichen Atmosphäre, wenn man es schafft die Augen zu schließen und sich darauf einzulassen. Ich bin vollkommen überrascht, dass alles so grün und frisch ist. Es war wirklich ein guter Tag und wir gewöhnen uns an dies neue Land hier in Afrika. Das Singen des Flusses macht uns schläfrig. Die Nacht wird jäh unterbrochen durch massiven Hagelkörnerbeschuss und tiefes lautes Grummeln der Dunkelheit. Aufgeschreckt blinken die Lichter der Wohnmobile in der Nacht. Ein kurzes Intermezzo. Kein Traum.

19.4.2011 Midelt – städtischer Campingplatz (Juliens Bericht ab jetzt)

Der Blick geht auf das noch zum Teil schneebedeckte Gebirge vor mir. Drohend in tiefen Braun steht es da, mit weißen Feldern von nicht mehr frisch gefallenem Schnee. Die Ulme über mir spendet wunderbar kühlenden Schatten, in dem ich dankbar dies hier schreiben kann. Das Klappern der Störche ist ganz in der Nähe und auch sonst liegen viele Vogelstimmen in der Luft. Der Platz liegt mitten in der Stadt und das Geschrei vom Schwimmbad dringt herüber. 150 Kilometer Fahrt stecken mir in den Knochen. 150 Kilometer voller extremer Landschaften – Eichenwälder an den Hängen, danach ein Plateau baumlos soweit das Auge reicht. Ein azurblau schimmernder See umgeben von Steinen und Stille. Dann der Pass und hinunter geht es, weit in das Tal hinein, in dem uns die Steinwüste erwartet. Rot schimmernd erstrahlt alles – Felsen, Steine, Staub und Haus. Merkwürdige Formationen aus zerbröckelten Fels, vom Wind geschliffen und vom Wasser weggespült. Und die ganz Zeit droht der hohe Atlas vor uns, schier unüberwindbar. Die Menschen an der Straße winken viel mehr und wollen uns gelegentlich zum Anhalten bewegen. Die Kinder wollen meist Bonbons oder Stifte, die Älteren meist etwas verkaufen (was auch immer). Das macht mich nicht nachdenklich, nur wenn wir die vielen Anhalter nicht mitnehmen und sie weiter am Straßenrand in der Mittagsgluthitze stehen lassen, überkommt mich ein Gefühl, nicht richtig gehandelt zu haben.

20.4.2011 Le source bleue Meski

Der Himmel ist bedeckt und viel Wind geht. Wir stehen unter Palmen in einer Oase bestehend aus tausenden Palmen. Palmen, die mit ihrem Grün die Wüste aufbrechen und ihr Leben verleihen. Ein riesiger Fluss fließt hier im Tal und eine Quelle für Fischen und Schwimmbad ist Namensgeber dieser fantastischen Idylle. Oben auf der Ebene schaut man weit in die Wüste, in das tief eingeschnittene Tal mit Palmen, während oben eine ehemalige Kasbah nur noch in Trümmern steht und weiter zu dem wird, was es einmal war – Sand, Staub, Stein. Ein großer Teil meines Ichs bezweifelt vehement die Tatsache, dass wir tatsächlich hier sind, dass mein Auge wirklich die verfallene Kasbah erblickt, dass ich den Bus wirklich über den hohen Atlas gelenkt oder in das leuchtende Blau des Sees geblickt habe, der auf 2000 Metern Höhe in der Sonne glänzt. Und doch zeugt es von Realität, wenn meine Sinneszellen am Arm signalisieren, dass der Wind kühler wird, wenn der Mund und die Nase trocken werden vom Wüstenwind, wenn der warme kindliche Händedruck der kleinen Marokkaner, die ein Auto geflochten aus Palmenblättern an den Mann bringen wollen und mit Stiften oder Bonbons wieder gehen, an mein Gehirn meldet, dass ich tatsächlich hier bin. Dass es keine Simulation ist, nicht portioniert oder vorprogrammiert. Reine greifbare Realität, die sich umso mehr manifestiert, je mehr ich hier schreibe und meine Gedanken diese Hand führen. Und doch sind meiner Realität Grenzen gesetzt, wenn mein Unvermögen zu stark wird und ich die Fülle der Eindrücke einer Verarbeitung unterziehen muss, die solange dauert, dass ich schon wieder vorbei bin am Moment, am Jetzt. Und weitere Grenzen sind mir gesetzt durch meine Art, sie zu beschreiben. Durch die Wortwahl, einen Gedanken zu erklären und mit Leben auszufüllen. Eben kam wieder ein kleines marokkanisches Kind und wollte ein geflochtenes Kamel verkaufen. Es ist schon fast lustig, wie wenig man weiß und erlebt hat, egal wie alt man ist.

21.4.2011 Campingplatz an der Sanddüne Erg Chebbie

Die Nacht war stürmisch und verjagte die Wolken. Der Morgen war klar und kühn der Sprung in das frische Wasser. Hinein, um mit den Fischen zu schwimmen. Über mir die Palmen und der vorspringende Fels. Langsam getaucht in goldenen Schein. Ganz allein. Nach dem Frühstück liefen wir zur verlassenen, aufgegeben Kasbah. Überquerten den Fluss mit Hilfe einer Palmenbrücke und ergaben uns vollständig dem Zauber der Ruinen. Wie sie wohl hier gelebt haben? Wann sie ihn aufgegeben haben? Aus Lehm und Fels und Staub und Stein wird es zu dem, was es vorher war. Und dann haben wir noch Tee getrunken und lange erzählt, gehandelt, geredet. Letztendlich kam ein wirklich schönes Tuch dabei heraus. 60 DH inklusive drei Postkarten. Danach fuhren wir in die Wüste hinaus. Vor uns 150 Meter hochragend die Sanddüne. Es ist heiß und ganz viele Fliegen haben sich im Bus versammelt. Im Hintergrund gibt eine Ziege merkwürdige Geräusche von sich und der Wind wackelt wieder wohlig am Bus. Dass Menschen sich in so einer Gegend niederlassen zeugt entweder von Kampfesmut oder blanken Wahnsinn. Aber wer weiß, dem Zauber der Wüste sind schon viele erlegen. Wenn man hierher fährt ist weit und breit nichts. Es ist alles flach und bis zum Horizont ist keine Veränderung der Farbe oder des Gesteins ersichtlich. Alles ist reduziert. Während Susi im Bus den Blog aktualisiert und Bilder über eine Wireless Lan Verbindung ins Internet lädt, welches selbst hier in der Wüste zugänglich ist, sitze ich hier in einem kühlen großen Raum. Ringsum Sitzgelegenheiten, blaugelbe Fließenbilder auf dem Boden und Teppiche und Tücher an den Wänden machen den Raum noch gemütlicher. Ein Marokkaner liegt auf der Wandbank, schaut fern und erzählt mir über Eigenheiten von hier. Im Sommer kann es bis zu 56°C heiß werden (im Schatten wohlgemerkt). Jetzt in der Mittagshitze ist es schon unerträglich warm draußen. Seit 7 Jahren betreiben sie hier ihr kleines Unternehmen und ich muss sagen, es ist ein sehr angenehmer Ort. Gerade habe ich mich mit einem Chinesen aus Honkong unterhalten. Ein sehr freundlicher Mensch und ebenfalls Gast hier. Nun zu meinem ersten Kaffee hier in Marokko. Es ist vom Geschmack her eine Karamellnote zu vernehmen und auch Spuren von Zimt, Nelken und Kardamon sind zu erahnen. Jeder Schluck ist eine Überraschung. Er haut gut rein, obwohl er dünner ist als der portugiesische Kaffee. Aber kein Herzrasen wird ausgelöst und er verschafft ein seliges Lächeln im Gesicht. Ich schätze es liegt an der Röstung.

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Marokko – das Tor in eine andere Welt


14.4./ 15.4.2011 Ankunft auf dem afrikanischen Kontinent

Wo fange ich an zu erzählen? Ich muss meine Gedanken ordnen nach all den Eindrücken, die mich seit dem Grenzübertritt wie ein Tsunami überflutet haben. Vor zwei Tagen sind wir nach Algeciras gefahren, um endlich die Überfahrt nach Afrika zu wagen. Wir haben zuvor einige schöne Tage in der Nähe von Tarifa verbracht. Auf unserer Fahrt wurden wir begleitet von einem stürmischen Levante (der Wind, der den Duft von Afrika herüber weht). Er riss uns mit seiner Kraft nun zum dritten und hoffentlich letzten Mal das Dachfenster hinfort. Ein lautes Knacken war das Letzte, was wir von unserer Eigenkonstruktion hörten. Auch eine ausgedehnte Suche entlang des Straßenrandes brachte es uns nicht zurück. Ein sehr frustrierender Moment, wie man sich vorstellen kann. Nachdem das Originalfenster das erste Mal im Dezember letzten Jahres verloren ging, hatten wir uns mit einer Plexiglasscheibe und Hakenschrauben eine Zwischenlösung geschaffen, die uns bis zur Lieferung des neuen Fensters vor Regen und Wind schützen sollte. Das Fenster ist nun nach zwei Monaten angekommen, nur fehlen die Befestigungsutensilien. Zwischenzeitlich ist das Provisorium bereits einmal in Portugal davon geflogen, nachdem wir vergessen hatten, es vor der Fahrt zu schließen. In Algeciras war also unsere erste Anlaufstelle ein Baumarkt. Der Bau des Fensters ging nach den letzten beiden Übungen diesmal relativ schnell von statten. Nach diesem ungeplanten Zwischenfall wollten wir dann endlich Nägel mit Köpfen machen und statteten Carlos Gutierrez, dem unter Campern weithin bekannten Verkäufer von Fährtickets, einen Besuch ab. Er befand sich quasi um die Ecke vom Baumarkt. Hätten wir das Fenster nicht verloren, hätten wir ihn wahrscheinlich stundenlang gesucht. Es hatte also doch sein Gutes. 180 € für Hin-  und Rückfahrt inklusive Bus, uns und Hund – ein Preis, bei dem man nicht nein sagen, geschweige denn zögern kann.  Wir schlugen zu und erhielten zum Kauf eine Flasche Cidre und einen Marmorkuchen. So etwas nenne ich  Kundenservice. Freude und Kundentreue gehen schließlich ebenso durch den Magen wie die Liebe. Als ich die Tickets in der Hand hielt, fühlte ich mich viel besser. Ich war schon den ganzen Morgen nervös gewesen, weil man uns ständig davon abgeraten hatte, nach Marokko zu fahren. Zu viel passiert gerade in der arabischen Welt. Aber all unsere Erkundigungen hatten uns versichert, dass es nichts zu befürchten gab. Trotzdem war ich aufgeregt. Schließlich setzen wir zum ersten Mal unsere Füße auf den afrikanischen Boden. Den Rest des Nachmittages beschäftigten wir uns mit Vorräte einkaufen und Busreinigung. Nach der ganzen Tour durch Portugal und Spanien hatte er eine Wäsche bitter nötig. Unseren Stellplatz für die Nacht bezogen wir auf dem Lidl Parkplatz, wo sich bereits etliche andere Camper eingerichtet hatten (vornehmlich Franzosen). Ein Teil von Ihnen war auf dem Weg nach Marokko, ein Teil bereits auf der Rückreise. Letztere erkannte man an den eingerollten Teppichen unterhalb der Fahrradhalter und den Bildern von Wüste und Kamelen auf ihren Wohnwägen. Wir parkten neben einem kleinen grünen VW Bus, der nach jungen Besitzern aussah. Unsere Vermutung bewahrheitete sich. Hanna und Philip kehrten gerade heute von Marokko zurück. Wir kamen sofort mit ihnen ins Gespräch und beide erzählten uns begeistert von dem fremden Land. Sie haben uns ein wenig unsere Angst genommen und zur Einstimmung auf die neue Welt zum Pfefferminztee trinken und zum Tajine essen eingeladen. Zwei andere deutsche Rückkehrerpärchen gesellten sich zu uns und erzählten von ihren Erlebnissen. Ratschläge, Tipps…wir sogen alles in uns auf und versuchten es uns so gut wie möglich einzuprägen. Wir schafften es erst sehr spät in unsere Betten und verschliefen die erste Fähre um 8 Uhr nach Ceuta. Aber kein Problem, weil das Boot mehrfach am Tag übersetzt. Wir entschieden uns für die 11 Uhr Überfahrt. Während wir an der Schranke zur Fähre warteten, beobachteten wir einen Bus voller Polizisten und junger marokkanischer Emigranten, die einzeln nacheinander auf die Toilette begleitet wurden, bevor sie die Rückreise in ihr Heimatland antreten mussten. Es tut einem leid, wenn man überlegt, welche Strapazen sie wohl auf sich genommen haben, um in Europa ein anderes Leben führen zu können. Eine große Welt, auf der man nicht immer leben kann, wo man möchte. Die Fähre startete pünktlich und war voller spanischer Soldaten. Etwas seltsam, wenn man doch Touristen um sich herum erwartet. Aber wir machten uns keine großen Gedanken deswegen. Es dauerte nicht einmal eine Stunde und wir betraten afrikanischen Boden. Ceuta ist eine spanische Enklave, so dass wir den Grenzübertritt nach Marokko nicht auf dem Schiff, sondern etwas außerhalb der Stadt vollzogen. Immer wieder haben wir gelesen bzw. gehört, dass man an der Grenze einiges an Zeit einplanen sollte und das sich gerne Marokkaner gegen etwas Entgelt anbieten, um bei den Formalitäten zu unterstützen. Schon an der Grenze offenbarte sich uns eine andere Welt. Frauen mit Kopftüchern und großen Bündeln auf ihren Rücken, Männer in langen Gewändern (den sogenannten djellabas)….man fühlt sich sofort anders, fremd. Ist vollkommen eingenommen von den neuen Bildern, die einem die Augen zum Gehirn schicken. Ein Mann sprach Julien an und zeigte ihm, an welchen Schaltern er welche Formalitäten zu erledigen hatte. Nicht aufdringlich. Ganz anders als erwartet. Ich versuchte währenddessen meinen Herzschlag etwas herunter zu regulieren. Nach maximal einer halben Stunde war alles erledigt. Ein Zollbeamter warf einen Blick in unseren Bus und fragte, ob wir eine Waffe bei uns führen, hieß uns willkommen und wünschte eine gute Weiterfahrt. Wir hatten es geschafft! Wir waren in Marokko. Alles halb so wild. Die ganze Aufregung für die Tonne. Wir haben uns viel zu sehr verrückt gemacht und verrückt machen lassen. Unser erstes Ziel war Martil. Wie sich herausstellte, ein kleiner touristischer Ort an der Mittelmeerküste. Dort wollten wir unsere erste Nacht auf einem Campingplatz verbringen und uns von der Aufregung und den Grenzübertrittstrapazen erholen. Wir folgten der breiten, fast leeren Straße entlang des Meeres. Links und rechts zogen leere Feriendomizile und Hotelkomplexe an uns vorüber. Alles wirkte verlassen und einsam. Wo waren die Menschen? Der Campingplatz lag etwas versteckt hinter den Häusern, unweit vom Meer und war mit Franzosen bevölkert. Wir waren angekommen in seinen sicheren Mauern  und packten Campingstühle aus und ließen die Sonne in unser Gesicht scheinen. Jetzt kam die Verarbeitung der heutigen Geschehnisse an die Reihe. Ein sirenenartiges Geräusch zerrte uns aus unseren Gedanken. Es dauerte ein paar Sekunden bis wir registrierten, dass es kein Feueralarm sondern der Muezzin war, der zum Gebet rief. Sein Gesang wurde durch den Lautsprecher zum einem Quaken verzerrt. Eben wie eine Sirene. Fünfmal am Tag ertönt er und ruft die Gläubigen an. Das letzte Mal als es schon dunkel ist.

Am nächsten Morgen fühlen wir uns genug ausgeruht, um weiterzufahren. Wir folgen der Straße nach Tetouan. Vor uns erhebt sich majestätisch das Rif Gebirge. Es bildet die Barriere zwischen mediterraner und zentralmarokkanischer Kultur und hat stets allein den Berbern gehört. Sie sind die ursprünglichen Bewohner Marokkos und machen rund die Hälfte der Bevölkerung aus. Das Rif Gebirge soll sehr schön sein, allerdings sollte man es als Tourist meiden, da hier der Cannabishandel blüht. Zurück zu Tetouan. Es wird wegen seiner weißen Pracht gern als „Andalusierin“ oder „Granadas Tochter“ bezeichnet. Die Stadt ist recht groß und wir versuchen uns anhand der Ausschilderung zu orientieren. Wir wollen der Medina und den Souks einen Besuch abstatten. Kurz zur Erläuterung: Die Medina bezeichnet die Altstadt, ein von dicken Befestigungsmauern umfriedetes Gassengewirr. Und glaubt mir, Gassengewirr ist noch ein schmeichelhafter Ausdruck dafür. Zumindest für die Medina in Tetouan und für erstmalige Besucher. Die Bezeichnung Medina stammt von der gleichnamigen Stadt in Saudi-Arabien, in die der Prophet Mohammed aus Mekka floh. Die Souks sind Markt- und Einkaufsstraßen. Sie sind nach Waren und Handwerk getrennt. Man findet dort alles, was das Herz begehrt – Gemüse, Fisch, Gewürze, Kleidung, Teppiche, Lederwaren. Die Augen quellen einem über bei dem reichhaltigen und farbigen Angebot. Die Kasbah als Letztes ist ein umfriedetes Wehrdorf. Massive Mauern umgeben diese Viertel, die traditionell eher einflussreichen Sippen gehörte. Während wir so vor uns hinfahren und an einer Ampel halten müssen, hält ein Moped neben uns. Der Fahrer spricht Julien an…wir kommen aus Deutschland…ein Bekannter von ihm lebt dort auch…heute ist Markttag…Berbermarkt, der nur einmal im Monat stattfindet…es gibt einen großen bewachten Parkplatz…ich zeig ihn Euch. Er reiht sich vor uns ein und weil wir sowieso nicht genau wissen, in welche Richtung wir fahren müssen, folgen wir ihm. Unser Reiseführer hat uns vor „faux guides“ (falschen Führern) gewarnt. Sie bieten ihre Begleitung an und bringen einen dann zu Geschäften, wo sie eine Provision erhalten, wenn man etwas kauft. Entsprechend misstrauisch sind wir. Wir folgen ihm trotzdem zum Parkplatz, weil wir uns sonst in den engen Straßen verirrt hätten. Er wartet dort und führt uns in die Medina. Wie zwei Schafe folgen wir ihm, nicht wissend, wie wir uns am besten verhalten sollen. Er scheint sehr freundlich und wir sind überfordert mit der ganzen Situation. Sofort nimmt uns unsere Umgebung gefangen. Fischgeruch steigt uns unangenehm in die Nase. Durch ein Tor geht es hinein in das Medina-Souks Gassengewirr. Enge lehmbodige Straßen umhüllt von hohen Häusern, rechts und links Händler, die ihre Waren feilbieten. Kinder, Frauen, Männer…verhüllte Menschen. Gerüche jeglicher Art. Kleine Katzen. Unser Führer erzählt uns dies und das…führt uns um Ecken und lässt uns in die Werkstätten blicken. Er zeigt uns die Schreinereien und eine Gerberei, in der überall Häute zum Trocknen hängen. Der Geruch beißt sich fest. Wir fühlen uns wie in einer Achterbahn. Alles schiebt sich in rasender Geschwindigkeit an uns vorbei und kann gar nicht richtig von uns aufgenommen werden. Es ist als sitze man in einem Zug und die Welt jagt hinter der Scheibe entlang. Es gibt keine Fotos von diesem Erlebnis. Wir waren einfach nicht in der Lage dazu. Im Nachhinein sehr schade. Die Straßen sind verwinkelt und eng und führen durch dunkle Tunnel, so dass man schnell die Orientierung verliert. Wir gelangen wieder etwas außerhalb des Gassengewirrs und erhaschen einen Blick auf das Tal von Martil. Ein flüchtiger Orientierungsmoment für uns.  Kurz darauf sind wir wieder in den Fängen der Medina und da kommt der gefürchtete Moment, als er uns in einen Teppichladen führt. Von der Terrasse aus hat man einen wunderbaren Blick über Tetouan, erklärt er uns. Ein anderer Mann führt uns hinauf. Der Ausblick ist unbestreitbar atemberaubend. Wir genießen ihn in vollen Zügen, vor allem weil wir wissen, was als nächstes auf uns zukommt. Kurz darauf werden wir in einen riesigen Raum voller Teppiche geführt und vor uns werden allerlei der Waren ausgerollt und angepriesen. Ich halte mich galant zurück und überlasse Julien die Verhandlungen. Er bleibt zum Glück hart und erklärt, dass wir leider keinen Teppich brauchen und in unserem Bus sowieso keinen Platz dafür haben. So schnell geben die Herren nicht auf. Es werden kleinere Modelle vor uns ausgebreitet. „Gute Qualität. Handarbeit. Fassen Sie mal an.“ Julien bleibt standhaft. Nach mehreren weiteren erfolglosen Versuchen geben die Händler auf und führen uns ein Stockwerk tiefer in die Souvenirabteilung. Ein Raum voller Krimskrams, Schmuck, Schuhen, Kleidung, Töpferwaren. Vielleicht wollen wir ja ein kleines Souvenir für zu Hause kaufen? Wollen wir eigentlich nicht. Aber der Händler bleibt hartnäckig. Wir schauen uns um und finden eine kleine marmorne Schildkröte, der wir uns annehmen würden, um aus diesem Haus zu gelangen. Jetzt beginnt das Handeln. Der Verkäufer will ein Vermögen für das kleine Ding. Das wollen wir natürlich nicht zahlen. Er zieht alle Verkaufstaktiken aus seinem Turban. Dann sollen wir eben eine zweite Schildkröte nehmen. Er würde dann einen günstigeren Preis machen. Aha. Guter Versuch. Wir bestehen darauf, nur eine Schildkröte zu erwerben. Oder vielleicht doch noch etwas anderes? Schmuck für die Dame? Ein paar schöne Babuschen? Eine kleine Minitajine zum in den Schrank stellen vielleicht? Es geht hin und her. Wir schlagen ein bei 100DH (8,78 €) für die Schildkröte und er legt umsonst die kleine Minitajine oben drauf. Nach unserem Empfinden war das Handeln für uns nicht wirklich erfolgreich. Aber es war ein Anfang. Der Händler hätte uns gerne noch viel mehr verkauft. Aber wir sind standhaft geblieben. Wir sind heilfroh, als wir den Laden wieder verlassen. Wir bitten unseren faux guides uns zum Parkplatz zurück zuführen. Das war genug von allem fürs Erste. Er tut dies auch. Vorbei am Königspalast gelangen wir nach knapp zwei Stunden Gassenlaufens am Bus wieder an. Ein beruhigendes Gefühl. Der Guide möchte nun natürlich auch noch seine Bezahlung. Wieder fängt er bei Preisen an, bei denen uns die Ohren schlackern. Manche geben 30 €, manche auch mehr. Wir erklären ihm, dass wir nicht so viel haben. Letztendlich hat uns der Besuch in Tetouan 20 € gekostet. Ein kleines Vermögen. Aber es war das Lehrgeld, was nahezu jeder zahlt, der das erste Mal in diesem Land ist. Es ist eine Erfahrung, aus der wir lernen und wir schwören uns, dass uns das nicht noch einmal passieren wird. Zumindest haben wir die Stadt im IC-Style kennengelernt. Alleine hätten wir uns wahrscheinlich in den Gassen verloren. Ich denke das, was wir in Marokko besonders lernen werden, ist das „Nein“ sagen und das Handeln. Für uns beide eine definitiv große Herausforderung. Wir sind froh, als wir wieder im Bus sitzen und weiterfahren. Es dauert ein wenig, bis wir den richtigen Weg aus der Stadt finden. Ein anderer Mopedfahrer versucht es auf dieselbe Masche, wie sein Vorgänger. Nur diesmal sind wir schlauer und folgen unserem eigenen Weg. Unser Ziel ist das 64km entfernte Chefchaouen. Dort wollen wir auf einem Campingplatz die Nacht verbringen. Die Landschaft, die wir durchfahren ist wunderschön. Hohe Berge, ein Fluss, der sich seinen Weg durch das Tal bahnt. Beeindruckende Weite. Unterwegs kommen uns zu Hauf Mercedes Busse unseres Schlages und Alters entgegen. Hier werden diese Fahrzeuge noch stark genutzt und gefahren. An den Straßenrändern winken immer wieder junge Männer, die uns Hasch verkaufen wollen. Wir schütteln unsere Köpfe und fahren weiter. Gegen 16 Uhr erreichen wir Chefchaouen und steuern gleich auf den Campingplatz zu, der am Hang eines hohen Berges liegt. Für heute haben wir genug Eindrücke und Erlebnisse erfahren. Um Chefchaouen und seinen Campingplatz zu erreichen, muss man ein paar Höhenmeter überwinden. Ein Kraftakt für unseren Bus. Die Aussicht ist dafür phänomenal. Es ist ein schöner Platz zum Entspannen und Ausruhen. Auch hier stehen eine Menge französischer Camper. Die Stadt wollen wir in Ruhe am folgenden Tag erkunden.

16.4.2011 Chefchaouen

Wir erwachen gegen 7.00 Uhr. Es ist diesig und leicht bewölkt. Wir wollen die Gunst der Morgenstunde nutzen, um die Stadt näher kennenzulernen. Der Name des Ortes ist vom Berberwort für Hörner abgeleitet und bezieht sich auf die Form des Gebirgszuges, der sich hoch über der Stadt erhebt. Laut unserem Reiseführer gehört dieser Ort zu den malerischsten Marokkos, obwohl er auch ein Zentrum des Cannabishandels ist. Kaum dass wir die schützenden Mauern des Campingplatzes verlassen, möchte uns ein junger Marokkaner auch schon seine Ware verkaufen. Als wir dies freundlich ablehnen, wittert er ein anderes Geschäft und möchte sich als Führer anbieten und uns die herrliche Panoramasicht zeigen. Zielstrebig läuft er vor uns in eine Richtung. Es ist nur nicht die, in welche wir wollen. So bleibt er allein zurück. Die Straße führt den Berg hinab und es ist ein etwas 20 minütiger Weg bis ins Zentrum der Stadt. Es sind erstaunlich viele Menschen schon so zeitig unterwegs (auch Jugendliche). Und alle zu Fuß. Man spürt, wie das Leben erwacht und die Sonne sich Stück für Stück über die Berge schiebt. Es kündigt sich ein heißer Tag an. Die Stadt wurde im 15. Jahrhundert von einem Nachkommen des Propheten Mohammed gegründet. Es ist eine heilige Stadt mit vielen Moscheen, die für Nicht-Muslime lange Zeit tabu war. Wir erreichen das Zentrum und tauchen ein in die Medina. Blaue Häuser bilden enge Gassen und werfen kühle Schatten. Sie schaffen ein entrücktes Szenario, einer Märchenwelt gleich. Eingehüllt in den blauen Mantel aus Häusern um uns herum, wandeln wir erstaunt durch diese heilige Stadt. Trotzdessen so früh schon viele Menschen unterwegs sind, ist es hier viel ruhiger und angenehmer als in Tetouan. Man hat Zeit, diese fremde Welt in sich aufzunehmen. Die ersten kleinen Läden öffnen ihre Pforten und bieten Brot, Süßigkeiten und allerlei andere Dinge feil. Wir decken uns mit ein paar Bananen und Orangen ein. Die Wirkung der Medina und dem über ihr hochragenden Berg, der Menschen und ihrer Art zu leben ist schwer zu beschreiben. Das Gefühl fremd zu sein ist hier besonders stark ausgeprägt. Und doch ist es stark ergreifend. Chefchaouen heilt uns von dem Erlebnis in Tetouan. Beeindruckt und zufrieden schlendern wir zurück zum Campingplatz und starten gegen Mittag in Richtung Ouezzane. Wieder nimmt die Strecke uns durch ihre Schönheit in Beschlag. Wir fahren durch ein tiefes Tal. Links an uns zieht das dunkle Rif Gebirge mordorgleich an uns vorüber. Rechts unter uns kämpft sich das Wasser durch ein steiniges Flussbett. Entlang der Straße sind ständig Menschen unterwegs. Entweder zu Fuß oder per Esel. Die eigenen Füße werden hier tatsächlich noch verwendet. Häufig sitzen Männer am Straßenrand und warten auf ein Sammeltaxi. Alte Mercedese werden bis zum Bersten vollgestopft, vorne drei, hinten vier Personen. Wenn wir Kinder am Straßenrand sehen, winken sie uns sofort zu. Manchmal reckt auch einer der Erwachsenen den Daumen nach oben und lächelt und an. Wir fühlen uns willkommen. Es ist eine angenehme Fahrt und wir finden den beschriebenen Campingplatz kurz nach Ouezzane und beziehen dort Stellung. Außer uns befinden sich nur Franzosen dort. Die Sonne knallt heiß vom Himmel und wir suchen Unterschlupf unter unserem Plastikplanenvordach. Das Thermoter hat mit Sicherheit schon die 30°C Marke durchbrochen. Wir sind geplättet von der Hitze, so dass wir zu keinen anderen Aktivitäten als Lesen und Schreiben mehr in der Lage sind. Ein tiefschwarzer, 15 cm langer Hundertfüßler erweckt unsere Aufmerksamkeit, während er im Schatten des Busses dahin krabbelt. In Afrika ist alles ein wenig größer.

17.4.2011 Volubilis

Wir erwachen gegen 7.00 Uhr und machen uns abreisebereit. Der Campingplatzbetreiber verschenkt an alle Camper ein Baguette. Ein schöner Morgengruß, über den wir uns sehr freuen und eine willkommene Abwechslung zu Cornflakes mit Milch. Ouezzane lassen wir ungesehen hinter uns liegen, in der Annahme, dass wir noch eine Menge anderer Medinas, Kasbahs und Souks sehen werden. Vor uns liegt die Kornkammer Marokkos. „Die Sais-Ebene und die Königsstädte Fés und Meknes bilden das Herz Marokkos und ihre Geschichte war lange Zeit gleichzusetzen mit der des ganzen Landes. Die fruchtbare, durch das Rif vom Mittelmeer und durch den mittleren Atlas von der Sahara abgeschirmte Ebene versorgte die Städte mit Nahrung im Überfluss.“ Gut vorstellbar, denn was uns erwartet sind tatsächlich Felder und Weiden soweit das Auge blicken kann. Die Farben der Felder wechseln von Gelb-Ocker zu saftigen Grün oder wunderschönem Rot, wenn der Mohn dazwischen steht. Die Landschaft ewig ausgebreitet wie eine Bettdecke. Wir sehen Menschen, die mit Handsicheln Grünzeug ernten und ihre Esel und Karren damit beladen. Wir sehen Frauen und Kinder, manchmal ganze Familien, die ihre Ziegen und Schafe hüten. Wir sehen Männer, die ihre einzige Kuh an einem Band die Straße entlang führen, damit sie am Rand grasen können. Wir sehen Menschen, die an Wasserstellen ihre Kanister und große blaue Tonnen füllen. Die Tonnen werden dann auf Eselkarren nach Hause gebracht. Fließend Wasser gehört hier nicht zum Standard. Alles hier ist noch sehr archaisch und ursprünglich. Wieder einmal wird mir bewusst, wie selbstverständlich viele Dinge für uns in Deutschland sind und wie wenig wir diese Dinge oftmals wertschätzen. Zurück zur Kornkammer Marokkos. Auch die Römer haben bereits vor 2000 Jahren den Wert dieses Ortes erkannt. Noch heute kann man ihre Spuren dort finden. Wir fahren nach Volubilis, einer gut erhaltenen römischen Siedlung. Sie soll zu den schönsten archäologischen Stätten Marokkos gehören. Man kann das nur bestätigen, sobald man einen ersten Blick auf diese riesige Ruinenstadt werfen kann. Es ist früher Vormittag und bereits ordentlich heiß. Trotzdem entschließen wir uns zu einem Rundgang durch das fast 50 ha große Gebiet ohne Schatten. Wir laufen durch ein Areal voll Gesteinsblöcken, die einmal Mauern und Häuser bildeten, vorbei an Säulen, von denen nun Störche majestätisch aus ihren Nestern herabblicken. Wir bestaunen die gut erhaltenen Mosaiks, die mit ihren Bildern Geschichten von damals erzählen. Nach 2000 Jahren sind sie noch voller Farben und Leben und zeigen Darstellungen der Jagd, verschiedene Tiere, Riten und Bräuche. Um uns herum erkunden Touristen jeglicher Nation die Überbleibsel aus römischer Zeit. Es ist so heiß, dass man immer auf der Suche nach einem Schattenplatz ist, um von dort aus die Anlage auf sich wirken zu lassen – all die Zeugen längst vergangener Pracht, all die Erbauer und Besitzer, Herren und Bedienstete, alle schon längst zu Staub verfallen aus dem wir hervorgegangen sind, um über ihre Reste zu laufen und sich zu fragen, ob sie sich mal gedacht hätten, dass ihre Siedlung 2000 Jahre später so eine Anziehung auf Menschen haben wird. Eine 1 ½ Stunde schlendern wir durch das Areal und sind froh als der Bus uns wieder Schatten spendet, auch wenn er sich in der Zwischenzeit auf Backofentemperatur hochgeheizt hat. Wir fahren weiter Richtung Süden, vorbei an Moulay Idriss und finden einen Campingplatz einige Kilometer vor der Königsstadt Meknes. Der Platz liegt an einem Hang, ist ruhig und wird von ein paar Bäumen beschattet. Wir entfliehen der Mittagshitze unter die schattigen Bäume und lassen unsere Gedanken schweifen. Langsam gewöhnen wir uns an Marokko. Man braucht Zeit und die wollen wir dem Land und ihren Menschen auch geben. Am Nachmittag unternehmen wir eine Wanderung und klettern auf einen kleinen Berg, der eine gute Aussicht verspricht. Sich bei dieser Hitze zu bewegen ist unglaublich anstrengend. Die Besteigung dieses kleinen Berges hat ähnliche Auswirkung auf unseren Körper, wie die Besteigung der Hochalp, aber es lohnt sich. Die Aussicht ist wirklich grandios, wenn auch etwas diesig. Oben erwarten uns marokkanische Frauen mit ihren Kindern. Ein kleiner Junge sitzt auf einem Esel und schaut uns neugierig an. Idylle pur. Der Campingplatz füllt sich am Abend hauptsächlich mit Franzosen und Spaniern, die in ganzen Familienbanden unterwegs sind, da gerade Osterferien in Spanien sind. Seltener sind Deutsche oder Engländer unterwegs. Letztere oftmals mit Geländefahrzeugen und aufbaubarem Zelt auf dem Dach. Unsere heutigen Nachbarn sind genau solche. Sie sind seit November letzten Jahres unterwegs, bis nach Gambia gefahren und nun auf dem Weg nach Hause. Soweit südlich wollen wir uns dann doch nicht wagen. Für uns reicht vorerst die Erkundung von Marokko.

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Von Störchen und dem Ende Europas


13.2./14.2.2011 Alcacer do Sal

Die gestrige Nacht war laut, denn wir standen direkt am Meer in der Nähe von Porto Covo und sahen die Wellen auf uns zurollen. Der Mond schien milchig trüb. Weißer Dunst hing in der Luft und das Meerwasser schäumte mit weißer Krone, wie die Milch eines Latte Macchiatos. Es war alles perfekt aufeinander abgestimmt. Der Morgen zeigte sich von einer ganz anderen Seite, denn ein kühler knackiger Wind vom Meer fegte den Dunst hinweg, in den alles eingesponnen schien. In der Ferne konnten wir Sines mit seinen hässlichen Industrieanlagen ausmachen. Wir ließen diese Stadt mit Freuden aus und fuhren nach Santiago de Cacem, einer 7000 Einwohner Stadt, über deren historischem Zentrum eine mittelalterliche Templerburg thront. Im 19. Jhd. wurde diese Burg einem neuen Zweck zugeführt. Seitdem beherbergt sie den städtischen Friedhof. Wir erstiegen den Berg, auf dem die Templer Burg ruht und umrundeten sie innerhalb ihrer gewaltigen doppelten Mauern, die uns vor einem pfeifenden Wind schützten. Diese Mauern haben gewiss  einige Angreifer in die Falle gelockt, denn hatten sie die erste Mauer überwunden, befanden sie sich in einem Gang, der sie den Verteidigern der Burg wie auf einem Tablett präsentierte. Der Himmel hatte sich inzwischen zugezogen und es begann zu regnen, so dass wir uns entschlossen, nach Alcacer do Sal weiterzufahren. Diesen Ort hatte ich bereits im Reiseführer markiert, da er für seine Störche bekannt sein soll. Der Ort liegt direkt im Mündungsgebiet des Rio Sado, ein optimaler Wohnplatz für diese wundervollen Vögel. Die fischreichen, mäandrierenden Wasserläufer bieten ihnen ausreichend Futter und die Kirchentürme ausreichend Nestplätze. Um Alcacer do Sal herum findet man dank das feuchten Gebietes überall Reisfelder. Direkt am Ortseingang befindet sich ein Parkplatz auf dem wir neben anderen Campern unseren Stellplatz bezogen und erst einmal unsere Bäuche füllten, denn die Fahrt durch strömenden Regen war anstrengend und machte hungrig. Der Platz liegt direkt am Fluss und eine kleine Fußgängerbrücke führt hinüber zur eigentlichen Stadt, die einiges zu sehen verspricht. Kurz darauf versiegten die Himmelstropfen und die Sonne kam zum Vorschein. So machten wir uns auf,  Alcacer do Sal zu erkunden, mussten aber bald umkehren, da der Regen von Neuem begann. Julien wagte sich nachdem der Regen nachließ erneut hinaus und gönnte sich einen Kaffee auf dem städtischen Hauptplatz. „Ich genehmigte mir dazu ein Stück Piniengebäck, dessen schmackhafte Kerne aus den Zapfen der umliegenden Pinienwäldern gewonnen wurde und betrachtete die Menschen (Alte, Junge, ganz Junge und ganz Alte), die Schwalben, die sich in ihren Nestern und im Sturzflug balgten, Spatzen, Möwen und Störche, die seelenruhig vom Kirchturm aus über den Fluss Rio Sado davon glitten.“

Der Parkplatz war das Revier einer alten, trottigen Berhardinerhündin. Trotz ihres etwas schmuddeligen Aussehens hatte sie etwas Damenhaftes an sich und wurde von uns auf den Namen Old Lady getauft. Wenn sie uns entdeckte, kam sie freudig und schwanzwedelnd auf uns zugelaufen. Ich gab ihr etwas von Hannibals Futter und seinen Leckerlis ab. Gesättigt suchte sie sich einen Schlafplatz unter einer Parkbank. Im Bus verbrachten wir den Abend mit Würfeln und Lesen, um schließlich in eine mondbeschienene Nacht einzutauchen und schwere Träume zu haben.

Der heutige Morgen überraschte mit einer hellen Sonne. Allerdings schickte sich der Himmel bereits an, sie mit den vom Meer kommenden Wolken zu bedecken und sie so ihrer Kraft zu berauben. Wir entschieden uns für ein Frühstück auswärts und gönnten uns in einem Cafe eine ermunternden Galao sowie einen bolo de pinea (Pinienkuchen), während wir den beginnenden Stadtalltag beobachteten. Gestärkt für den Tag bewunderten wir die engen Gassen mit ihren wunderschönen, zum Teil dem Verfall preisgegebenen Fischerhäuschen und Adelspalästen,  folgten den weiß gekalkten Häusern, die sich entlang steiler Straßen bis hinauf zum Castelo ziehen, beobachteten die klappernden Störche in ihren Nestern auf dem Kirchturm und erklommen die Hänge der Stadt diesmal zur Gänze, ohne Unterbrechung durch den Regen bis hin  zur Burg samt Kloster und Pousada. Der Fluss und somit die Stadt haben damals leider mit dem Bau der Eisenbau ihre Bedeutung als Landwirtschafts- und Handelszentrum verloren. Man sieht es ihr an und wünscht sich, dass ein edler Spender den Häusern eine Sanierung verpasst. Es bleibt wohl ein frommer Wunsch. Der Himmel hat sich in der Zwischenzeit schon wieder verdunkelt und so stiegen wir in den Bus, in der Hoffnung am  Barragem do Pego do Altar auf besseres Wetter zu treffen. Die Straße führte vorbei an einer Allee von Störchennestern.  Reih an Reih hatten sie auf Strommasten ihre riesigen Heime errichtet.

Der Stausee Barragem do Pego do Altar ist kleiner als der von Santa Clara, aber ebenso umgeben von Hügeln, die erkundet werden wollen. An der Staumauer finden wir eine Art Parkplatz voller großer Caravane-Hymer-Plastik-Fantastic- Joghurt-Becher. Am äußersten Rand finden wir auch noch ein Plätzchen für uns. Das Wetter ist hier nicht besser. Trotz Nieselregen unternehmen wir eine Wanderung entlang des Ufers. Die Akazien erblühen in tausend gelben Dolden und verwandeln die Landschaft in Frühling.

14.2.2011 Die Halbinsel Setubal

Der neue Tag folgte einer grausigen Nacht. Mücken, überall. Insgesamt neun Exemplare musste Julien erlegen und sie als Mahnung und Warnung auftrapieren, ehe wir endlich ein wenig schlafen konnten. Keine gute Bilanz für das Karma. Und nutzlos, weil der Rest der Nacht von Dauerregen zertrommelt wurde. Der Morgen zeigte sich ebenfalls entschlossen regnerisch. Also entschieden wir uns, diesen Ort schnellstens zu verlassen und zum Praia da Comporta zu fahren, einem weiten Sandstrand, von dem aus sich laut Reiseführer der Blick auf ein meist türkisblaues Meer sowie der Serra da Arrábida eröffnet. Die Straße führte uns durch mit Kiefern bewachsenes pfannkuchenflaches Land. Der Reiseführer hatte nahezu Recht. Der Regen hörte auf, die Sonne kam heraus und die Seeluft blies uns entgegen und vertrieb den letzten Rest unserer Müdigkeit. Die Wellen waren grandios, das Meer statt türkisblau tiefgrün (das machte aber nix), der Strand ewig lang und voller Muscheln und ein kleiner toter Delfin lag im Sand und gab sich den Möwen und der Sonne hin. Laut Reiseführer sind es jetzt damit leider nur noch 23 Delfine an dieser Küste. Nach dem langen Spaziergang machten wir uns etwas zu essen und fuhren dann mit der Fähre auf die Halbinsel Setubal, wo uns die Serra da Arrábida erwartete. „Der Küstenabschnitt zwischen den Orten Setubal und Sesimbra wurde auf einer Fläche von 10820 ha  unter Naturschutz gestellt. Das bewaldete Kalksteinmassiv hebt sich beim Alto do Formasinho auf eine Höhe von 501 m.“  Die Halbinsel empfing uns mit gigantischen Ausblicken aufs Meer. Die kurvenreiche Küstenstraße führte uns  entlang grün bewachsener Berge, steiler Hänge und einem weit unter uns liegenden blauen Meer. Das hatte schon auf Kreta immer eine faszinierende Wirkung auf uns. Sesimbra, ein vom Reiseführer empfohlener Ort, entpuppte sich als ganz und gar versaut und verbaut vom Massentourismus. Jeder kann sich mal irren. Als man uns am Campingplatz dann noch mittteilte, dass keine Hunde erlaubt sind, war der Ort für uns gestorben. Wir brauchten allerdings dringend einen Stellplatz, weil der Abend schon mit Dunkelheit drohte. So fuhren wir die Straße zurück bis nach Maca und nächtigten dort auf einem Campingplatz, bei dem es sich um eine Art Klub für Dauercamper aus Lissabon handelte, die ihre Wochenenden und Urlaube hier verbringen. Entsprechend teuer war die ganze Angelegenheit. Tausende (ja es ist übertrieben, aber man hatte fast den Eindruck) Wohnwägen mit kleinen Vorgärten dekoriert mit Plastiktieren, Gummihunden, die in kleinen Hundehütten Wache halten, Gartenzwergen und umfriedet von Miniaturzäunen reihten sich aneinander – irgendwie erinnerte das an eine Gartensiedlung in Deutschland…Allerdings ist es schon interessant zu beobachten, wo man abends sein wird, während man am Morgen noch keine Ahnung davon hat. Man gibt sich einfach dem Strom hin und folgt einem Weg stets einer Intuition und Straße folgend. Spannend sag ich Euch.

15.2./ 16.2.2011 Endlose Suche

Den 15.2. haben wir nahezu ganztägig auf dem Campingplatz zugebracht. Das Wetter war regnerisch und Blogschreiben kostet immer einiges an Zeit. (Deshalb hängen wir auch so fürchterlich hinterher.) Das Reisen und Erleben nimmt einfach zu viel Zeit in Anspruch. Gegen 15 Uhr sind wir aufgebrochen, in der Hoffnung, noch etwas durch das Naturreservat Serra da Arrábida wandern zu können und eventuell einen Stellplatz für die Nacht zu finden. Oft malt man sich einen Tag perfekt aus und dann kommt doch alles anders als man denkt. Wir fanden zwar eine wunderbare Route, die uns direkt über die Berge führte und einen fantastischen Blick aufs Meer, den kleinen Hafen unter uns, die Halbinsel gegenüber und prächtige Sonnenspiele mit den Wolken und vorgelagerten Bergen ermöglichte. Einen Platz zum Parken und Wandern fanden wir allerdings nicht. Auch war das Wetter nicht das Beste. Der Wind peitschte als wir direkt auf dem Grat entlang fuhren. Unter uns fast 200m freier Fall. Atemberaubend. Da wir keinen passenden Stellplatz für die Nacht erspähten, entschlossen wir kurzer Hand zum Lagoa de Albufeira zu fahren, einem See an der Westküste. Letztendlich endete der Tag in einem Desaster. Die Gegend um den See war eine einzige Feriensiedlung mit ähnlichen Campingplätzen, wie dem Letzten. An den See heranzukommen schien unmöglich. Frustriert von der endlosen Fahrerei fuhren wir weiter Richtung Norden. Mit einsetzender Dunkelheit rutschte unsere Laune immer weiter in den Keller. Wie ich schon einmal geschrieben habe, enden solche Situationen meistens in einem Streit, obwohl das gerade in diesen Momenten wenig förderlich ist. Die Straße bzw. ich als planloser Navigator führte uns wieder ins Inland, dann wieder an die Küste. Zwischenzeitlich hatte ich völlig die Orientierung verloren, weil es keine gute Ausschilderung gab und auch schon dunkel war. Irgendwann gegen 22 Uhr fanden wir eine Art Parkplatz an der Straße. Wir mussten uns irgendwo in der Nähe von Fonta da Telha befinden. Mürrisch und immer noch wütend aufeinander gingen wir ins Bett und hofften auf einen besseren Morgen.

Er war dann tatsächlich besser. Die Sonne, ein wichtiger Faktor für gute Laune, hatte endlich wieder die Oberhand gewonnen. Unser Nachtstellplatz entpuppte sich im Tageslicht als gar nicht so schlecht. Wie es der Zufall will, parkten wir direkt an einem Pinienwald. Wir nutzten die Gelegenheit für eine ausgedehnte Wanderung. Der Körper hat das nach längeren Fahrstrecken einfach nötig. Gönnt man ihm die Bewegung und den Abbau überschüssiger Energie nicht, wirkt sich das eindeutig auf den geistigen Zustand aus. Pure Unzufriedenheit. In dem Pinienwald konnten wir unsere aufgestauten Aggressionen weglaufen und frische Luft einatmen, die den Dunst aus dem Gehirn vertreibt. Der Wald erinnerte mit seinen großen ausladenden Kronen zeitweise an afrikanische Landschaften. Nur die Affen haben gefehlt. Frisch energetisiert schwangen wir uns auf unsere Sitze und gaben Gas. Wir waren jetzt nur noch einen Katzensprung von Lissabon entfernt. Eine gigantische Brücke führte uns über die breite Mündung des Rio Tejo und vor uns breitete sich Lissabon aus. Es soll eine wunderschöne Stadt sein, die mit ihren Anhöhen und historischen Trams und Standseilbahnen ein wenig an San Francisco erinnert. Allerdings konnten wir den Trubel einer Stadt jetzt am wenigsten gebrauchen. Ein wenig schweren Herzens ließen wir die Stadt rechts neben uns vorbeigleiten. Irgendwann werden wir  ihr noch einen Besuch abstatten. Wir folgten der Ausschilderung nach Sintra, westlich von Lissabon.

Sintra – ein himmlischer kleiner Ort. Ein Märchenschloss auf einem Berg, umgeben von einem alten Wald. An seinem Fuße eine kleine Stadt mit majestätischen Gebäuden, errichtet von den Reichen, die hier ihre Sommer verbrachten. „Zahlreiche ausländische Reisende wie Lord Byron oder Hans Christian Andersen zeigten sich fasziniert von den Stadt- und Landschaftsansichten, und der portugiesische Prinzgemahl von Sachsen-Coburg-Gotha fand seine Lebensaufgabe im Bau eines Märchenschlosses und der Anlage eines romantischen Parks.“ Eine enge Straße abwärts folgend parken wir unterhalb des Parque da  Liberdade. Vor uns baut sich der Nationalpalast mit zwei riesigen Türmen auf. Es sind die Rauchfänge der königlichen Küche, „dem Schlunde eines Königs angemessen, der täglich ein gesamtes Königreich verspeist“. In der Stadt besorgen wir uns einen Lageplan und folgen einer Wanderroute hinauf zum Märchenpalast. Man läuft vom unteren historischen Dorf los und begibt sich in verwunschenes Grün. Alte Bäume umgeben vornehme Villen. Riesige Gesteinsquader liegen herum und überall entspringt Wasser. Alles ist moosbedeckt und vermittelt das Gefühl einer Märchenwelt. Es hat ein wenig Ähnlichkeit zum Naturreservat Peneda-Gêres im Norden Portugals. Der Weg scheint kein Ende zu nehmen und es geht die ganze Zeit steil bergan. Irgendwann stoßen wir auf den Eingang zum maurischen Kastell. Schon aus der Ferne hat sie majestätisch zu uns herübergeblickt. Der Eintrittspreis haut uns allerdings um. Das ist nur etwas für reiche Leute. Und Hunde sind in dem Gelände ebenfalls nicht erlaubt. So bleibt uns der Zutritt leider verwehrt. Auch das weiter oben gelegene Märchenschloss wollen wir uns nicht leisten. Etwas enttäuscht, aber durch die schöne Umgebung getröstet, treten wir den Abstieg wieder an. Leider bot auch Sintra keinen geeigneten Stellplatz für die Nacht. Diesmal wollten wir unbedingt vor Sonnenuntergang etwas zum Übernachten finden und schlugen den Weg in Richtung Cabo da Roca ein, der Ort, „wo das Land endet und das Meer beginnt, und wo der Geist des Glaubens und des Abenteurers lebt, der die Karvellen Portugals hinführte zu den neuen Welten für die Welt“ (Nationaldichter Luis de Camões). Es ist der westlichste Punkt des europäischen Festlandes und mit seinen hohen Klippen ein beeindruckender Ort. Der Parkplatz bietet uns einen Blick auf die stürmische See, davor ein mahnendes steinernes Kreuz. Die Umgebung ist mit erstaunlich viel Grün bewachsen und erinnert an schottische Landschaften. Ansonsten schaut man auf das unendlich grüne, graue, blaue und fast schwarze Meer. Die Wolken reißen auf und bescheinen ein Stück Meer mit dem Licht der Sonne. Es strahlt wie selbst entflammt. Der Wind wackelt ab und zu am Bus. Aber der Platz ist gut. Zwei andere Camper stehen neben uns. Hier bleiben wir, zufrieden über den schönen Tag.

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Alentejo – Get lost!


6.2.2011 – Praia Marinha (Bericht Julien)

Da wir nun wieder auf Reisen sind und jeden Tag einen neuen Horizont entdecken, ist es auch an der Zeit, das Reisetagebuch weiterzuführen, um die vielen Erlebnisse, Eindrücke, Gedanken, Emotionen –alles, was ein Mensch beim Reisen in Zeit und Raum aufnimmt und reflektiert – auf Papier festzuhalten. Nicht zu vergessen, dass wir damit dem Vergessen ein Schnippchen schlagen wollen. Wir stehen mit unserem Bus am Praia Marinha in der Nähe des Städtchens Lagoa. Der Himmel ist wolkenlos, die Kraft der Sonne ist bewundernswert und die Stille wird nur durch das Geschrei, besser gesagt das Gelächter der Möwen, durchdrungen. Ein Bild, welches die Algarve uns schon öfter präsentiert hat. Wir haben eine dreistündige Wanderung an der Steilküste hinter uns und sind überwältigt von der schroffen Seite, die das Land dem Meer zeigt, während es Stück für Stück, ganz langsam, aber stetig zerbröckelt. Das Wasser ist der Skulpteur. Das Land ist das Kunstobjekt. Stunde um Stunde sägt, feilt und schmirgelt es mit seinen Wellen an der Erde und verpasst ihm immer wieder neue Formen. Es ist beeindruckend, wenn man in die Löcher starrt, die 20 bis 30 Meter in die Erde hinunterreichen. Von oben sieht und hört man das Meer  rauschen. Die Szenerie in einem Kajak von der Seeseite aus zu betrachten, in die Höhlen hinein zu paddeln und von unten nach oben zu schauen, wäre das Sahnehäupchen auf der Torte. Allein das Boot fehlt. Die Szenerie wechselt  stetig von Steilküste mit mutigen Klippenfischern zu Buchten mit feinem Sandstrand. Und natürlich frönen Touristen hier der warmen Sonne und besorgen sich den Beweis für den sonnigen Urlaub im Wintermonat Februar. Strände, zu denen der Mensch keinen Zutritt gefunden hat, werden von den Möwen als Naherholungsgebiet genutzt. Von oben sind es kleine weißgraue Gestalten, die im Sand sitzen und auf das Meer starren. Wenn eine Welle zu nah kommt, gibt es ein kurzes Geflatter. Das Meer in seinem unendlichen Blau geht kurz vor seiner Ankunft am Strand  in ein Türkisgrün über.  Und während Susi mit dem Fotoapparat in die Luft schaut und den Streifen von Düsenjets hinterher jagt, die den Himmel zerschneiden, schwappt eine übermütige Welle in ihre Schuhe. Wir legen eine kurze Pause für die Trocknung ein und laufen dann weiter zum Praia do Benagil. Es ist ein kleiner Ort, der sich mit seinen weiß gekalkten Häusern an die Wände einer engen Bucht schmiegt. Die Bucht erwartet uns mit Sandstrand und einem kleinen Kaffee (um bica), den wir uns zur Zwischenstärkung gönnen. Es ist fantastisch, nach so langer Zeit der „Normalität“ wieder draußen zu sein, zu wandern, die Natur zu riechen und den Muskeln wieder etwas zu tun zu geben, denn dafür sind sie da.

7.2.2011 – Lagoa (Bericht Susi)

Es ist ein Tag, an dem Dinge erledigt werden müssen. Bei unserem Bus soll vor der großen Weiterfahrt der Kraftstofffilter ausgetauscht werden. Wir bekommen einen Termin in der Werkstatt im nahe gelegenen Lagoa für den frühen Nachmittag. So nutzen wir den Vormittag zum Einkaufen und die Mittagszeit für einen Bummel am kleinen Sandstrand Praia Marinha. Es ist sonnig und heiß. Ein paar wenige Menschen räkeln sich unter dem glühenden Ball und suchen zur Abwechslung die Erfrischung im kalten Nass. Für mich fällt Baden auf Grund der zu niedrigen Wassertemperaturen leider immer noch flach. Für Julien selbstredend nicht. Ich widme mich derweil mit meditativer Konzentration dem Muscheln sammeln. Es hat etwas von einer Schatzsuche. Turmschnecken, perlmuttartige Muscheln, die in der Sonne rosa und gelb glänzen, abgeschmirgelte Glasnuggets in den unterschiedlichsten Grüntönen. Einziges Problem….man sammelt und sammelt und weiß am Ende nicht mehr wohin mit dem Zeug. Man wird automatisch zum Muschelmessi, geißelt man sich nicht selbst und lässt das Sammelwerk nach getaner Arbeit wieder zu Boden fallen. Am Nachmittag fahren wir zurück nach Lagoa und während Julien der Operation am Bus beiwohnt, begebe ich mich auf Erkundung des kleinen Städtchens. Lagoa ist kein Ort, der mit besonderen Sehenswürdigkeiten aufwartet. Es ist das alltägliche Leben, welches ich aufsaugen möchte…kleine Häuser geschmückt mit frisch gewaschener Wäsche, alte Männer vor einem Cafe, beobachtend und gelegentlich ein kleines Gespräch führend. Eine Kirchenglocke läutet immer und immer wieder, als wolle sie mich zu ihr locken. Ich folge den Tönen. Vor einer kleinen Kirche stehen viele Menschen. Ein Wagen mit großen Fenstern fährt vor. Es ist ein Bestattungswagen. Ich laufe weiter, denn die Glockentöne gehörten nicht zu jener Kirche. Ich mache mir schon Gedanken, dass die Kirche aufhört zu tönen, bevor ich sie gefunden habe. Es ist wie ein Hörsuchspiel. Ich vertraue auf meine Ohren, schlängele mich durch die Gassen, auf engen Gehwegen, vorbei an alten Häusern. Hinter jeder Ecke erwarte ich das Gotteshaus. Eine völlig neue Art, eine Stadt zu erkunden. Ich finde die Kirche. Weiß und groß steht sie vor mir und lässt ohrenbetäubend und unaufhörlich ihre Glocken läuten. Warum sie das tut, erschließt sich mir allerdings nicht. Keine Menschenmassen, kein Hochzeitsauto, keine Messe. Sie läutet mit derartiger Kraft, dass mir die Ohren weh tun und ich mich nicht länger an ihrer Seite aufhalten möchte. Das Suchspiel ist vorbei. Ich trete den Rückweg an, vorüber an weißen Häuserwänden, die einen Kontrast zu dem azurblauen Himmel bilden. Es ist ein Trauerspiel, dass die alten Häuser verweisen, während neue Betonklötze hochgezogen werden und dann trotzdem unbewohnt bleiben.  Haufenweise stehen Wohnungen und Häuser zum Verkauf. Die Schilder „vende se“ findet man in jedem Ort. Manchmal sind die feilgebotenen Gebäude nur noch Ruinen. Sie warten auf einen edlen Menschen, der ihnen ihre Würde wiedergibt. Gelegentlich finden sich sogar einige Westeuropäer, die sich die Sanierung eines alten Hauses zur Aufgabe machen und ihm die frühere Schönheit wiederverleihen. Aber das ist ein eher selteneres Szenario. Häufiger sieht man sich neu entstehenden Bauskeletten gegenüber.

8.2.2011 –Barragem de St. Clara

Wir befinden uns am Stausee (Barragem)de St. Clara im Alentejo. Der Alentejo ist ein Landstrich oberhalb der Algarve und bedeutet „jenseits des Tejo“ (alem do Tejo). Der Tejo ist ein Fluss, der Portugal in Norden und Süden teilt und bei Lissabon in den Atlantik mündet. Unsere Fahrt ging direkt vom Praia Marinha, über das kurvenreiche Monchique Gebirge in den Alentejo. Foia, der mit 902 Metern höchste Berg im Süden Portugals bietet einen atemberaubenden Blick bis hinunter zum Atlantik. Dichte grüne Wälder überziehen die Hügel des Monchique Gebirges und versprechen aus der Ferne die Heimat für eine Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren. Allerdings nehmen auch hier die  Bäume zur Toilettenpapierherstellung immer mehr Platz ein. Keine unbedenklichen Pflanzen, da sie richtige Wassersäufer sind, die Erde austrocknen und andere Pflanzenarten verdrängen. Auch sind sie durch ihre ätherischen Öle gefundenes Fressen für die gefürchteten Brände im Sommer. Aber sie wachsen schnell und bringen damit in kurzer Zeit Geld – das entscheidende Kriterium für ihren Anbau. Sieht man die braunen gerodeten Flächen wird einem ganz mulmig ums Herz. Es scheint als klaffe eine riesen Wunde in der Landschaft. Zum Glück haben die Eukalyptusplantagen noch nicht überall die Oberhand gewonnen. Wälder aus Oliven, Feigen- und Johannisbrotbäumen sowie Korkeichen vermitteln ein beruhigendes Gefühl. Die Korkeichen erkennen wir an den nackten Stämmen. Sind sie frisch geschält, leuchten sie rot. Dann haben sie neun Jahre Zeit, ein neues Kleid anzulegen. Nur so kann der Baum überleben. Mit weißer Farbe wird das Jahr der Schälung aufgetragen. In den Souvenirgeschäften verkaufen die Portugiesen allerlei Korkartikel – Postkarten, Handtaschen, Topfuntersetzer. Hauptsächlich wird der Kork aber zu Flaschenkorken, Fußbodenbelag und Dämmmaterial verarbeitet. 54% aller Naturkorken kommen aus Portugal. Die Korkeichen haben einen weiteren Vorteil. Sie brennen sehr schlecht und sollten eigentlich auch deswegen dem Eukalyptus vorgezogen werden. Soviel zur Fauna des Alentejo.

Die Sonne geht hinter dem Berg langsam unter und verwandelt den 1969 errichteten Stausee Santa Clara durch die scheinbar fast genormten, kleinen, runden Bäume und Hügel in eine Modelleisenbahnlandschaft. Ein starker Wind kommt vom Tal herauf und rüttelt am Bus. Über dem Wasser jagen kleine Wellen dahin. Wir haben eine schöne Wanderung entlang des Ufers unternommen, sind durch Eukalyptuswälder gelaufen, haben ein zerfallenes Gehöft besichtigt und den wunderbaren Ausblick über die vielen Berggipfel und Täler des Alentejo genossen. Der Blick reicht weit und man hat das Gefühl, nur seine Flügel ausbreiten zu müssen und loszufliegen. Man atmet die Weite und Freiheit ein und lässt sie durch die Adern des Körpers fließen.

Die Staumauer wirkt gigantisch und gewährt einen tiefen Blick hinunter ins Tal. Auf der anderen Seite gibt es ein riesiges Überlaufbecken. Ein Loch, welches in eine unbekannte dunkle Welt führt. Man steht an der Absperrung und hat Angst, doch irgendwie hinein zufallen. Der Alentejo ist gespickt mit Stauseen. Es ist ein sehr trockener Landstrich und das gestaute Wasser der Flüsse sichert die Versorgung im Sommer. Es ist nicht der letzte Stausee an dem wir unser Lager aufschlagen. Es wird die Barragem Tour 2011.

11.2.2011 Luzianes (Bericht Julien)

Boa Tarde. Ich sitze in einem kleinen Cafe in Luzianes. Susi wartet im Bus und passt auf unsere Wäsche auf, während diese in der Maschine gereinigt wird. Die Waschmaschine ist Dorfeigentum und unterliegt speziell ausgeklügelten Richtlinien, die sich mir leider nicht erschließen und Susis Misstrauen erregen. Deshalb die Bewachung. Wir haben die letzten beiden Tage bei Ype (ein sehr netter Niederländer) verbracht, der mit seiner Freundin Jeannette ein wunderschönes, neun Hektar großes, friedliches Stück Land gekauft hat. Ein altes Haus wird ebenfalls ausgebaut und entwickelt sich zu einer wunderbaren Behausung. Tief im Tal befindet sich ein Obstgarten mit Orangen- und Zitronenbäumen, die einen mystischen Brunnen umgeben. Eine eigene kleine Quelle führt frisches Wasser ins Tal, in der ein Dschungel herrscht. Alles – Bäume, Felsen und Wasserfläche – sind mit einer Pflanzenschicht überzeugen. Wir haben die Spuren von Ottern gefunden und Ype ist der Überzeugung, dass es sogar Luchse gibt. Der ganze Ort ist erfüllt mit einer Energie, die schwer zu beschreiben ist. Wir saßen am Lagerfeuer, tranken Wein, während über uns der Mond sein von der Sonne geborgtes Licht als silberner Überzug über das Land stülpte und die Sterne so hell, klar und viel näher waren als in der Algarve. Die Eule rief in einiger Umgebung und ganz weit entfernt, hinter den mit Eukalyptus bewachsenen Hügeln bellte irgendwo ein einsamer Hund. Gestern halfen wir  Ype bei der Bereinigung des Grundstücks. Wir sammelten Zweig- und Ästehaufen beschnittener Bäume zusammen und verbrannten sie auf der Glut des Feuers vom Vorabend. Würden wir das Feuer weitere drei Tage lang mit Ästen und Zweigen am brennen halten, wären noch immer nicht alle Haufen beseitigt. So viel Land mit Oliven, Kork- und Steineichen, Pinien, Eukalyptus, Orangen, Zitronen, Granatäpfeln, Heidekraut –  und alles muss gepflegt werden. Eine Arbeit, die niemals endet. Aber so ist es auch gut. Es erfüllt einen mit tiefer Zufriedenheit, wenn die Bäume wieder frei wachsen können, der Kork von den Eichen geschält und die Orangen geerntet werden können, anstatt das alles zu wuchert und bei dem nächsten Feuer gnadenlos auf Grund des vielen Unterholzes abfackeln würde. So verbrennen wir es kontrolliert. Das Fauchen und Knacken des Feuers ist das Einzige, was wir über lange Zeit hören. Um Ype für seine Gastfreundschaft und seine Erzählung über seine „Mit dem Rad um die Welt“ Erlebnisse dankend zu rezitieren: „I like to get lost!“. Das nehmen wir als Ratschlag und Slogan für unsere weitere Reise.

 

12.2.2011 Vila Nova de Milfontes

Es sind gigantische Wellen, die auf uns zurollen und ein donnerndes Grummeln vor uns ausbreiten. Fast scheint es so, dass sie den Boden, auf dem der Bus steht, zum Erzittern und zum Wanken bringen wollen. Die Sonne ist kurz nach 18 Uhr hinter einer Mauer aus Wolken am Horizont abgetaucht und sendet nur noch blasse Pastellfarben zum Himmel. Der Tag heute war sehr schön. Wir erwachten an dem  gegenüberliegenden Ufer von Vila Nova de  Milfones. Es ist der Fluss Mira, der uns von der Stadt trennt. Hier standen wir im Schutze einer hohen Felswand auf einem leeren Parkplatz, 100 Meter vom Meer entfernt. Ein großes Gewitter war am Abend zuvor in einer breiten Sturmfront vom Meer heran gerollt und entlud sich in gewaltigen Blitzen und krachendem Donner direkt über uns. Der Morgen war dafür strahlend schön und warm. Frühstück im Freien, während sich die Sonne über den Felsen kämpft, ein Spaziergang am Strand, eine Besichtigungstour der Stadt. Die Attraktion waren aber riesige Schaumrösser, die in Bataillionen versuchten, den Strand Welle um Welle einzunehmen. Wir beobachteten sie, als wir gegen Mittag Stellung auf einer Klippe über dem Meer bezogen. Gigantisch schäumende weiße Pracht, die jetzt immer noch vom General Wind angetrieben werden, das Land in Besitz zu nehmen. Gestern, während wir auf unsere Wäsche im kleinen Dorf Luzianes warteten, machten wir einige Bekanntschaften. Während ich im Bus saß und Julien Kaffee trank, kam ein Chlochard auf seinem Fahrrad daher. Das Fahrrad war mit allerlei Zeug geschmückt. Er machte es sich auf einer kleinen Bank bequem, holte ein Meerschwein aus einer Büchse, setzte es zum Grasen auf den Rasen, hängte ein kleines Taschenradio an den Baum und deckte seinen Mittagstisch mit ein paar Kartoffeln, Brot und einer Flasche Wein. Irgendwann kam er an das Busfenster und fragte mich wie ich heiße und wie alt ich bin. So kamen wir ins Gespräch. Er heißt Patric, spricht ein wenig deutsch und auch Brocken anderer Sprachen, er brennt seinen Schnaps selber und jagt Wildschweine, deren Fleisch er ohne Erlaubnis an Restaurants in der Algarve verkauft. Dazu gesellte sich ein netter portugiesischer Großvater, der uns Geschichten erzählte, die wir mit unseren mehr als spärlichen Vokabeln gerade so nachvollziehen konnten.  Meistens haben wir allerdings zustimmend verständnislos genickt. Die Waschmaschine brauchte mehr als zwei Stunden und während wir in der Sonne warten, zogen an uns das dörfliche Leben und seine Einwohner vorüber. Alte Omis und Opis, kräftige Bauarbeiter, Hunde, Reinigungskräfte, Autos. Ein sehr interessanter Einblick.  Nichtsdestotrotz waren wir froh, nach der unendlich langen Wartezeit weiterfahren zu können. Schließlich hatten wir bis nach Vila Nova de Milfontes noch einige Kilometer hinter uns bringen. Einen kleinen Zwischenstopp gab es noch in Odemira. Wir haben die ersten Erdbeeren gekauft (2 kg) und gefuttert, gefuttert, gefuttert.

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Westküstenfeeling


Nachdem Datze und Kai uns verlassen haben, kehren wir zurück nach Mexilhoeira Grande. Da Tö im Januar für knapp drei Wochen zum Arbeiten nach Deutschland fliegt, haben wir Christina unsere Unterstützung mit dem Baby während dieser Zeit angeboten. So verbringen wir den gesamten Januar in unserer kleinen Oase. Solange Tö noch da ist, sind unsere Tage von ausgedehnten Strand- oder Lagunenspaziergängen geprägt. Und jedes Mal präsentiert sich die Landschaft in einem anderen Licht. Die Lagune scheint sich bei klarem Himmel und Sonnenuntergang in eine andere Welt zu verwandeln. Das letzte Tageslicht legt einen grauen Schleier über Lagos, während das Meer sich in einen goldenen Teppich verwandelt.

Für ein paar Tage fahren wir an die Westküste nach Carrapateira. Es ist ein sonniger Tag. Ype und Jeannette, ein befreundetes holländisches Paar von Christina und Tö, kommen zu Besuch und  bereiten ein fürstliches Essen. Wir gesellen uns zu den Vieren und plaudern über das Reisen und die vielen Länder. Ype und Jeannette haben per Fahrrad in drei Jahren die Welt umrundet und eine Menge zu erzählen. Wir berichten von unseren Plänen, Marokko, Kroatien und Rumänien zu besuchen, während wir kleine Garnelen und mit Ziegenkäse gefüllte Datteln essen. Das besondere am Reisen ist, dass man so viele nette und interessante Menschen kennenlernt. Menschen, die interessante Geschichten erzählen und von denen man eine Menge lernen kann. Wir können uns nur schwer lösen von der unterhaltsamen Runde, aber wir haben vor Sonnenuntergang noch einen Termin auf einem Wwoof Hof. Ursprünglich wollten wir ein paar Wochen auf solch einem Hof gegen Kost und Logis arbeiten. In der Nähe von Pedralva haben einige junge Leute einen solchen Hof aufgebaut und ich habe einen Kennenlerntermin mit ihnen vereinbart. Kurz bevor die Sonne untergeht, kommen wir dort an. Es liegt sehr abgelegen. Ein holpriger Weg führt uns steil hinauf in die Eukalyptuswälder. Mit dem Bus fahren wir gar nicht bis ganz ran, weil der Weg tiefe Furchen und Löcher aufweist. Wir legen den Rest des Weges also zu Fuß zurück und erreichen einen großen Holztorbogen. Vom Weg weiter unten kommen uns zwei Männer entgegen. Ich frage den einen, ob er hier lebt. Er ist ein Wwoofer. Die kleine Siedlung wirkt sehr improvisiert auf den ersten Blick. Ein noch nicht fertiggestelltes Lehmhaus, ein Holzhaus, Wohnwägen als Unterkünfte für die Wwoofer, viele Hunde und Katzen, eine Holz- und Feuerstellestelle mit Backofen, zwei riesige Wassertürme, ein Kompostklo. Wir lernen Daniela kennen. Sie lebt hier mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern und einem Freund sowie einer Menge Wwoofer. Zu dritt und mit der Hilfe der Freiwilligen haben sie all das hier aufgebaut. Sie hackt gerade das Feuerholz, während ihre kleine Tochter um ihre Aufmerksamkeit buhlt. Hannibal wird von den anderen Hunden ausgebellt. Er ist ein Neuling, wie wir. Wir schauen uns ein wenig auf dem Gelände um. Das Anwesen liegt auf einem Hügel. Hier leben sie seit 2/3 Jahren. Vorher hatten sie ein Haus bei den Ziegen im Tal. Aber da sind sie damals abgesoffen und haben ihren Wohnsitz weiter nach oben verlegt. Ein tiefes Bohrloch und eine Solarpumpe füllen die Wasserbehälter auf den selbstgebauten Wassertürmen und liefern somit ausreichend Druck für die Waschmaschine. Sie haben Ziegen, Hühner und Schweine, stellen selbst Käse her, den sie auf Märkten verkaufen und leben sehr autark. Unter einer Plane, die sich an das Holzhaus anschließt, stehen ein großer Tisch, Stühle und ein Sofa. Hier finde ich noch mehr Wwoofer. Durch einen Wohnwagen, der die Küche bildet, gelangt man über einen Gang aus Brettern in einen weiteren Raum, der liebevoll mit Weihnachtsutensilien geschmückt ist. Und hier sind noch mehr Leute. Daniela erzählt mir, dass das gesamte Jahr über Wwoofer aus allen Ländern hier zu Besuch sind. Mehr als fünf nehmen sie aber gleichzeitig nicht auf. Es wird dunkel draußen und wir wollen noch nach Carrapateira. Also verabschiede ich mich. Julien hat währenddessen eine Katze gestreichelt, die uns fast bis zum Auto hinterher läuft. Interessante Menschen, aber das Gefühl sagt uns, dass das nicht das richtige für uns ist. Es ist bereits dunkel als wir am Praia do Bordeira ankommen.  Auf dem Parkplatz stehen bereits einige Camper. Wir gesellen uns zu ihnen. Julien war schon einmal mit Stefan hier. Ich muss mich bis morgen gedulden, um die Landschaft zu sehen.

Der Tag startet früh. Mit Sonnenaufgang schälen wir uns aus unseren Betten, frühstücken und machen uns sofort auf, den Strand zu erkunden. Eine riesige Dünenlandschaft ist dem Meer vorgelagert. Möchte man zum Sandstrand, muss man einen Fluss überqueren. Bei Ebbe kein Problem, obwohl man auch dann die Schuhe ausziehen und durch das kalte Wasser waten muss. An manchen Stellen zieht einem der Treibsand die Füße in die Tiefe. Der Strand ist ein Paradies für Surfer. Eine kleine Holzhütte wurde auf der Düne errichtet. Im Sommer wohl ein Treffpunkt für unsere Pinguine. Wir laufen Richtung Norden entlang des Strandes. Rechts von uns erheben sich hohe dunkle Felsklippen. Sie bestehen aus einem völlig anderen Gestein als die Klippen an der Südküste. Die Sonne braucht etwas Zeit bis sie sich über die Ränder schiebt und den daruntergelegenen Sandstrand erwärmt.  Aber sobald sie da ist, hat man das Gefühl eines leichten Sommertages. Zurück beim Bus holen wir unsere Campingstühle heraus. Allerdings hält man es nicht lange aus, denn das Thermometer erhitzt sich nachweislich bis auf 35°C. Die anderen Camper um uns herum sind hauptsächlich Engländer, von jung bis alt. Ein paar Surfer in ihren ausgebauten kleinen Vans sowie Rentner in größeren Wohnmobilen. Ein Engländer kommt direkt auf uns zu. Sein Name ist Paul. Er hat einen kleinen LKW selbst zum Wohnmobil ausgebaut. Er ist, wie er selbst von sich sagt, ein bisschen nosy (neugierig) und ist an jedem selbstgebauten Wohnwagen interessiert. Wir gewähren ihm gerne einen Blick in unsere vier Wände, müssen ihm aber gestehen, dass nicht wir die Entwickler waren. Er ist sehr freundlich und lädt uns sofern wir möchten jederzeit gerne zu einem Kaffee bei sich ein. Am Nachmittag laufen wir in Richtung Carrapateira auf der Suche nach einem kleinen Cafe. Es ist ein kleiner und ruhiger Ort, dessen Ruhe sich sofort auf uns überträgt. Wir finden das gesuchte Cafe. Der Tag ist perfekt.

Es ist kühler geworden und am Morgen starten wir eine Wanderung in die andere Richtung der Küste. Statt Sandstrand und Dünen gibt es hier Kliffs und brausendes Meer. Das Wasser trifft mit enormer Wucht auf die Felsen, so dass es meterhoch in die Luft geschleudert wird. Wir sind jedes Mal aufs Neue von diesen Wellen fasziniert. Sie nehmen uns gefangen, wirken fast hypnotisch, wenn man sich die Zeit nimmt und ihren Lauf beobachtet. Das Meer und das Wasser entpuppen sich als eine Urgewalt, der wir nicht trotzen können. Die Sonne, die Wolken, der Himmel, das Meer und die Felsen sind wie eine Komposition der Welt. Sie spielen miteinander. Sind nie gleich. Erschaffen in jeder Minute eine neue Szenerie. Man muss sich nur die Zeit nehmen. Man muss das Ganze mit Ruhe betrachten. Es ist wundervoll. Wirkt befreiend.

Paul kommt vorbei und bringt uns ein Buch über amerikanische Truckholzhäuser. Uns fallen die Augen heraus, als wir die Bilder sehen. Riesige Trucks auf denen hinten Holzhäuser gebaut wurden. Verrückt. Gemütlich. Sie haben alles. Eine Veranda, eine Küche, einen Ofen, Tisch, Bett und Stühle. Und alles ist gefühlvoll hergerichtet und dekoriert. Man sieht die Liebe, die in diese Wohntrucks gesteckt wurde. In Deutschland würden diese Fahrzeuge für Straßen niemals zugelassen. Die USA macht’s möglich.

Wir bringen Paul das Buch zurück und lernen seine Frau Jane kennen. Ein sehr nettes Paar. Es gibt Kaffee aus einer irischen Cattle Can und dazu Kekse. Sie reisen viel. Er hat den kleinen LKW selbst ausgebaut. Es ist erstaunlich viel Platz darin und sehr hell. Er arbeitet im Sommer auf einem Campingplatz in England und verdient so das Geld für den Rest des Jahres. Sie haben zwei Kinder. Beide sind schon erwachsen und studieren jetzt. Die Tochter hat gerade geheiratet. Wir schauen uns die Fotos und die lächelnden Menschen darauf an. Paul sagt, man muss sein Leben jetzt leben, denn man weiß nie, wann es vorbei ist. Er hat recht. Es erinnert mich an eine Passage aus einem Buch: „So viele Leute sind unglücklich mit ihrem Leben und schaffen es trotzdem nicht, etwas an ihrer Situation zu ändern, weil sie total fixiert sind auf ein angepasstes Leben in Sicherheit, in dem möglichst alles gleich bleibt – alles Dinge, die einem scheinbar inneren Frieden garantieren. In Wirklichkeit wird die Abenteuerlust im Menschen jedoch am meisten durch eine gesicherte Zukunft gebremst. Leidenschaftliche Abenteuerlust ist die Quelle, aus der der Mensch die Kraft schöpft, sich dem Leben zu stellen. Freude empfinden wir, wenn wir neue Erfahrungen machen, und von daher gibt es kein größeres Glück als in einen immer wieder wechselnden Horizont blicken zu dürfen, an dem jeder Tag mit einer neuen, ganz anderen Sonne anbricht.“  Wir lernen durch die Menschen um uns herum. Jeder einzelne von ihnen hat eine Nachricht für uns, die für unser Leben sinnvoll sein kann. Man muss mit den Menschen nur sprechen und ihnen aufmerksam zuhören. Wir verabschieden uns von Paul, Jane und Carrapateira und fahren zurück nach Mexilhoeira Grande. Es ist der Tag, an dem Tö nach Deutschland fliegt.

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